Zwei Ferrari auf den Plätzen fünf und sechs, das allein hätte gereicht, um schon nach dem zweiten Formel-1-Rennen der Saison bei Ferrari eine leichte bis mittelschwere Panik ausbrechen zu lassen. Bloß mitfahren? Das wäre weit unter der Erwartungshaltung bei Firma und Fans. Aber drei Stunden nach Rennende des Großen Preis von China kam es noch dicker: Der deutsche Rennkommissar Jo Bauer beanstandete gleich beide roten Autos.
Der Wagen von Charles Leclerc lag ein Kilo unter dem vorgeschriebenen Mindestgewicht von 800 Kilogramm, eine Fehlkalkulation beim Reifenabrieb. Bei Lewis Hamilton war der hintere Abstandshalter am Unterboden um einen halben Millimeter zu stark abgefahren. Selten konnten die Richter an der Rennstrecke so schnell entscheiden, denn der Fall war eindeutig: Es gab Disqualifikationen für beide Piloten, ohne weitere Diskussion, Ferrari räumte die Fehler ein. Erstmals in der Formel-1-Geschichte wurde damit ein Ferrari-Duo im selben Rennen aus der Wertung genommen. Und so gerät die Scuderia schon früh im Rennjahr gewaltig unter Druck. Was prima ist für die Rennveranstalter: Die Italiener mit dem Rücken zur Wand, das verspricht ein Drama mit Fortsetzungen.

McLaren in der Formel 1
:
Stallorder oder Stallkrieg?
McLaren hat, was es für Titel braucht. Doch vor dem Grand Prix in China zeigt sich, worin die Herausforderung liegt, wenn zwei Fahrer wie Lando Norris und Oscar Piastri ähnlich gut sind.
Wenn bei dem, was die übertragenden Fernsehanstalten „den Vorlauf nennen“, der in Wirklichkeit ein Endlos-Podcast ist, auffallend häufig über Reifen gesprochen wird und es angesichts der Kurvencharakteristik des Großen Preises von China permanent um „vorne links“ geht, dann klingt das schon nach Aufregung. Wie gut jedoch, dass sich diese Saison an wenig Prognosen hält und schon zum zweiten Mal innerhalb einer Woche reichlich Kapriolen schlägt: Es gab einen Doppelerfolg von McLaren, Oscar Piastri siegte vor dem WM-Spitzenreiter Lando Norris. Der Australier hat mit der ersten Pole-Position seiner Karriere und seinem ersten Saisonsieg die Schmach von Melbourne vergessen lassen, als er nach einem Fahrfehler nur Neunter geworden war. Er liegt nun zehn Zähler hinter seinem britischen Teamkollegen. Dritter wurde George Russell im Mercedes. Titelverteidiger Max Verstappen gewann mal wieder seinen größten Kampf – den gegen das eigene Auto – und wurde nach der Disqualifikation für Ferrari Vierter.
Ewig wird der Weltmeister jedoch nicht über seinen Verhältnissen fahren können, weshalb es in der Rennzentrale von Red Bull Racing in dieser Woche noch zu einer Krisensitzung kommen soll. Da soll es zwar vor allem um die Fahrzeugabstimmung gehen, aber die Verantwortlichen werden auch einen Umweg über die Personalabteilung machen. Liam Lawson, der neue Nebensitzer von Verstappen, kommt überhaupt nicht klar mit dem Auto. Letzter in der Qualifikation: Damit fährt der Neuseeländer noch unterhalb des Niveaus seines geschassten Vorgängers Sergio Perez. Schon wird gemutmaßt, dass er beim nächsten Rennen in Suzuka ins B-Team Racing Bulls versetzt werden und von dort der Japaner Yuki Tsunoda zu Red Bull kommen soll. „Wir sind besorgt“, sagt Berater Helmut Marko im Sender Sky.

Termine der Saison im Überblick
:Formel-1-Rennkalender 2025: Alle Rennen und Ergebnisse
Auftakt in Australien, Finale in Abu Dhabi: 24 Grand Prix warten in der Formel-1-Saison 2025 auf die Fans. Der Rennkalender mit allen Terminen, Rennen und Ergebnissen im Überblick.
Leclerc beschädigte seinen Frontflügel – und wurde daraufhin schneller
Für die eigentliche Unterhaltung beim zweiten Rennen der Saison spielten die Reifen „vorne links“ dann nur eine untergeordnete Rolle, auch der angedrohte Regen konnte nichts beitragen. Doch solange der Funkverkehr von Ferrari übertragen wird, braucht es auch kaum etwas anderes. Die beiden Neu-Teamkollegen Lewis Hamilton und Charles Leclerc, die in der Saisonvorbereitung die größtmöglichen Harmoniker gaben, gerieten schon in der allerersten Kurve aneinander. Der Brite ging an dem Monegassen vorbei, wobei dieser sich am Hinterrad des Rivalen den Frontflügel beschädigte. Eine leichte Kollision mit ungeahnten Folgen: Leclercs Auto wurde mit etwa 20 Prozent schwächerer Aerodynamik immer schneller – schöne Grüße an den hauseigenen Windkanal.
Der Hintermann schneller als der Vordere, die Spitzengruppe noch nicht ganz außer Reichweite, das ist knifflig für die Strategen. In Anbetracht der Tatsache, dass da zwei Rivalen um die Vormachtstellung im Rennstall kämpften, schon gar nicht. Vom Kommandostand erging mehrfach die klare Anweisung, Leclerc passieren zu lassen. Hamilton erwiderte scheinbar trotzig: „Wenn er näher dran ist.“ Die Ingenieure machten wie Leclerc weiter Druck, aber der Brite gab stur zurück: „Ich sage, wann wir den Platz tauschen.“ Als er endlich Platz machte, maulte Leclerc, warum der Positionswechsel so lange gedauert hatte: „Das ist doch eine Schande, ich habe das bessere Tempo.“ Sein Renningenieur entschuldigte sich prompt dafür.

Was die Diskussionskultur angeht, müssen sich die Parteien erst noch annähern. Später behauptete Hamilton, der Platztausch sei seine eigene Idee gewesen sei, nachdem er sich mit seiner Fahrzeugabstimmung ordentlich verzettelt hatte. Das überraschte alle, die den übertragenen Funksprüchen lauschen konnten, war aber wohl wirklich so. Denn Hamiltons erste Ansage an sein Team war im Fernsehen nicht mitübertragen worden. Wenn schon Drama, dann so richtig!
Das galt auch für den triumphalen Beginn des Rennwochenendes für Hamilton. Erst holte er sich die Pole-Position für den 100-Kilometer-Sprint, im Anschluss daran gewann er den Mini-Grand-Prix. Schneller als gedacht, gelang ihm so ein persönlicher Sieg über die vielen Zweifler an seinem Leistungsvermögen, die er als „Kläffer“ bezeichnete: „Die haben doch keinen Schimmer davon, wie schwierig es ist, mit einem neuen Team sofort Erfolg zu haben. Einem Rennstall, bei dem komplett alles anders ist.“ Seinen Sprint-Sieg fand er regelrecht „schockierend“, bezeichnete ihn aber auch als „Sprungbrett“.
Die persönliche Genugtuung hat Hamilton daraufhin keineswegs überschwänglich werden lassen. Als hätte er geahnt, was sonntags nach dem Rennen passieren würde, mahnte er zu jener großen Gelassenheit, die er überraschenderweise momentan bei sich selbst feststellt: „Wir müssen weiter Druck machen, wir dürfen nicht den Fokus verlieren, wir müssen ruhig bleiben. Vor allem ruhig bleiben, das ist das Wichtigste.“ Klingt wie ein Satz für den Ferrari-Boxenfunk.