Das Spiel gegen die Rostock Seawolves war schon seit mehr als einer Stunde aus, die 11 200 Zuschauer hatten den SAP Garden im Olympiapark längst verlassen. Da kam Vladimir Lucic doch noch herausgestürmt aus der Umkleidekabine in den Katakomben im zweiten Untergeschoss der riesigen Halle. „Sorry“, sagte der Kapitän von Bayern Münchens Basketballern, doch der 35-Jährige hatte einen guten Grund für seine Verspätung: Physiotherapie, Massage, den Schmerz aus den müden Muskeln bekommen. Jetzt, da die wohl härtesten Wochen anbrechen für ihn und seine Mannschaft.
Der Einstieg in diese Wochen war allerdings sanft, nie war der 91:66 (56:27)-Erfolg gefährdet, im Grunde war die Partie vor ausverkauften Rängen schon zur Halbzeitpause entschieden. Lucic steuerte in seinen grünen Schuhen, die er zum Camouflage-Trikot trug, neun Punkte und fünf Rebounds bei – und sagte nach der Behandlung auf der Pritsche: „Das war ein Statement-Spiel vor der Euroleague-Woche in Barcelona und gegen Partizan.“
Nur mit Trockenübungen und einer Video-Session hatten sich die Bayern nach der Heimkehr aus Spanien, wo sie am Donnerstag eine üble 89:112-Niederlage beim von ihrem früheren Coach Pablo Laso trainierten Klub Saski Baskonia erlitten hatten, auf die Seawolves vorbereitet. Die Gäste hatten dagegen am Freitag noch im Olympiapark trainiert. Doch dann war schnell klar, in welche Richtung sich die Partie entwickeln würde. Bayerns Carsen Edwards traf und traf, zehn seiner 13 Punkte hatte der US-Amerikaner bereits nach fünf Minuten gesammelt. Kurz vor Ende des ersten Viertels stand es 27:9 für die Bayern, fünf Minuten später gar 47:16. „Nach unserer wahrscheinlich schlechtesten Defense-Leistung vor 48 Stunden war das heute eine der besseren, wenn nicht die beste bisher, über die ersten 30 Minuten gesehen“, sagte Gordon Herbert.
Onuralp Bitim blüht mit 18 Punkten endlich ein wenig auf
Münchens Coach sah noch etwas: Da lief ein Mann mit schwarzer Maske (schon länger eine Schutzmaßnahme nach dem zweiten Nasenbeinbruch), der bislang eher eine Nebenrolle innehatte, zu großer Form auf bei den Bayern. Onuralp Bitim ließ kurz vor der Halbzeitpause nicht nur seinen dritten Dreier durch die Reuse gleiten (insgesamt verwandelte er sechs von neun), der 25-jährige Türke war mit 18 Punkten am Ende sogar Topscorer der Münchner.

Basketball
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Bei den Distanzschützen sacken die Quoten ab
Für die Bayern ist in der Euroleague von Playoff-Heimrecht bis zum kompletten Ausscheiden noch alles möglich – bei nur vier verbleibenden Spieltagen. In den entscheidenden Wochen stellt sich die Frage, ob ihr Spiel noch variabler werden kann.
Bitim war Anfang November von Fenerbahce Istanbul gekommen, um die damals verletzten Niels Giffey und Lucic auf dem Flügel zu ersetzen. Seine Leihe geht bis zum Saisonende, Bitim war im Herbst und Winter aber nicht der erhoffte Ersatz, noch hat er seinen Platz im Team nicht gefunden. Und Lucic ist wie Giffey längst zurück. „Vor einigen Wochen hatte ich eine längere Unterhaltung mit Bitim“, sagte nun Coach Herbert nach dem Rostock-Spiel: „Er verhält sich sehr gut und es ist eine harte Situation für ihn, weil er über Wochen wenig gespielt hat. Heute hatte er ein gutes Spiel und ich bin stolz auf ihn, weil das für ihn nicht einfach ist.“
Gegen Rostock funktionierte die Rotation so gut, dass auch Spieler wie Shabazz Napier komplett pausieren konnten. Das dürfte noch wichtig werden, gerade in den Wochen, die nun kommen für die müden Muskeln. Die Bayern, bei denen die Bundesliga gerade eher nebenher läuft, haben noch vier Euroleague-Spiele vor sich. Und es ist trotz ihrer noch immer guten Ausgangslage als aktueller Tabellenachter keineswegs ausgemacht, dass sie in die Playoffs oder deren Vorstufe, die Play-Ins, einziehen. „Die Euroleague wird immer verrückter. Es gibt keine Rechenspiele“, sagt Lucic bezüglich der Dramatik im höchsten europäischen Vereinswettbewerb.
Und die Münchner haben ein hammerhartes Restprogramm. Am Dienstag spielen sie beim FC Barcelona, am Donnerstag müssen sie zu Hause gegen Partizan Belgrad und seine heißblütigen Fans unbedingt bestehen. Lucic sagte schmunzelnd, er werde versuchen, im Spiel gegen seinen Heimatklub Partizan nicht zu viele Tickets an serbische Fans zu geben. Oder nur an solche, „die ein Lucic-Trikot tragen und Bayern unterstützen“. Beim nächsten Satz wurde er schnell wieder ernst: „Wir müssen mit einer Gewinner-Mentalität nach Barcelona fahren.“ Rostock war da allenfalls ein Appetitanreger.