Den letzten Schuss seiner Karriere setzte Johannes Thingnes Bö weit daneben. Ein Fehler, über den der 31-Jährige trotzdem grinsen konnte. Seinen Frieden mit diesem Abschied hatte er im Massenstart am Sonntag schon gemacht. Es ging für ihn nicht mehr darum, noch einen großen Sieg zu feiern, sondern vor allem: ums Genießen. Und so lief Bö in seiner Heimat in Oslo vor Tausenden jubelnder Fans noch einmal die steilen Berge hinauf, ging bei den Abfahrten tief in die Hocke, bis er schließlich mit vier Strafrunden als Siebter ins Ziel kam. Das ist er also: der Moment, in dem die große Karriere von Johannes Thingnes Bö endet.
Im Ziel verbeugte sich die Konkurrenz vor ihm, jedem war klar: Die Zeit mit Johannes Thingnes Bö ist vorbei, die Zeit mit jenem Athleten, dem so viele nacheiferten. Auch Sturla Holm Laegreid, der ihm nicht den Gefallen tat, zum großen Finale den Gesamtweltcup herzuschenken: Schon am Samstag sicherte sich Laegreid mit dem Sieg in der Verfolgung – 15,5 Sekunden vor Bö – den ganz großen Triumph, sein Punktevorsprung war zu groß, um noch eingeholt werden zu können.

Biathletin Franziska Preuß
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Sturz, Tränen und schließlich der ganz große Triumph
Hochklassiger kann ein Saisonfinale kaum laufen: Franziska Preuß und Lou Jeanmonnot liefern bis zur Schlussrunde ein Drama um den Gesamtsieg. Am Ende weint Preuß – vor Erleichterung.
Glück vermehrt sich, wenn man es teilt, und auch Abschiedsschmerz wird zu zweit vielleicht erträglicher: Denn da stand jetzt nicht nur ein Bö, der sich feiern ließ, sondern zwei. Mit Johannes Thingnes Bö verabschiedete sich auch sein Bruder Tarjei, 36. Mit der norwegischen Flagge in der Hand kam er beim Sieg von Schwedens Sebastian Samuelsson auf Rang 23 ins Ziel und fiel seinem Bruder gleich in die Arme.
Tarjei war es gewesen, der die Szene schon 2010 darauf vorbereitet hatte, was sie bald erwarten würde: Der fünf Jahre ältere Tarjei kündigte damals nach seinem ersten Sieg im Weltcup an: „Da gibt es noch einen Besseren: meinen jüngeren Bruder Johannes.“ 2011 gewann Tarjei den Gesamtweltcup, danach nie wieder. Ganz anders Johannes: Fünf Mal schloss er die Saison als bester Biathlet der Welt ab, 2019 dominierte er zusätzlich noch in allen Disziplinwertungen.
2019, das war das Jahr, in dem Bö seinen großen Widersacher als Nummer eins ablöste: den Franzosen Martin Fourcade. Eine ganze Zeit lang hatten sich die beiden große Duelle geliefert, bis Bö schließlich den fünf Jahre älteren Fourcade übertrumpfte. Verbunden mit dem Aufstieg an die Spitze war auch ein pikanter Wechsel: Fourcades Trainer Siegfried Mazet verabschiedete sich 2016 von Frankreich und Fourcade – und ging nach Norwegen und zu Bö. Ein Manöver, das in Frankreich gar nicht gut ankam. Aber wenn ein Ausnahmeathlet ruft, ist die Verlockung groß.
In dem Biathleten Bö steckt auch ein Vater zweier Kinder, der nicht mehr wochenlang von seiner Familie getrennt sein will
Was Bö immer ausmachte, war sein Talent beim Laufen. „Eine Gabe“ nennt er es selbst, „eine Urgewalt“ Teamkollege Laegreid. Seine Dominanz in der Loipe war für die Konkurrenz oft demütigend, manchmal auch unheimlich. Wenn sich im Ziel alle anderen entkräftet im Schnee wälzten, stand Johannes Thingnes Bö oft unbeeindruckt auf seinen Beinen und atmete ein bisschen schneller, mehr nicht. Ein Zustand, der manchem unwirklich vorkam, aber den meisten in der Szene Respekt abverlangte. „Der kann halt zwei bis drei Strafrunden rauslaufen, wenn er wirklich Vollgas gibt“, sagte Benedikt Doll über ihn. Trotzdem verspürte Bö den Ehrgeiz, sich nicht mit seinen Defiziten beim Schießen abzufinden, er wollte ein kompletter Biathlet werden. Sein Stehendschießen wurde schließlich zur Spezialaufführung, weil er es oft so schnell und eiskalt absolvierte, dass das Publikum ins Staunen geriet.
Trainingsweltmeister war Bö nie, auch, weil er es nicht sein musste. „Tarjei hat früh viel und hartes Training vertragen, während das bei Johannes das komplette Gegenteil war. Er hielt nicht so viel Training aus, aber es klappte auch mit wenig“, sagte Ole Einar Björndalen, sein ehemaliger Teamkollege und lange Zeit Rekordweltmeister. Ein Titel, den Bö dann Björndalen gerade noch rechtzeitig abgenommen hat: Bei der Weltmeisterschaft in Lenzerheide vor einem Monat eroberte Bö seinen 23. WM-Titel, das waren zwei mehr als Björndalen geschafft hatte. „Er ist eine Legende. Unter Druck ist er fantastisch“, adelte Björndalen Bö in der Schweiz.
Und natürlich gäbe es für Bö noch ein paar Rekorde zu knacken: Nächstes Jahr bei den Olympischen Spielen zum Beispiel, schließlich steht es bei der Anzahl der Goldmedaillen noch 8:5 für Björndalen. Doch das ist für Bö kein Anreiz mehr. Seinen Rücktritt hatte er vor zwei Monaten beim Weltcup in Ruhpolding angekündigt, da flossen viele Tränen, der große Norweger schluchzte und viele Teamkollegen, ja sogar die Trainer, mit ihm. Leicht fällt ihm der Abschied nicht, doch in dem Biathleten steckt auch ein Vater zweier Kinder, der nicht mehr wochenlang von seiner Familie getrennt sein will: „Wenn in 20 Jahren meine Kinder ausziehen, werde ich es nicht bereuen, dass ich ein extra Jahr mit ihnen verbringen durfte.“
Und nun, bei seinem großen Finale, fuhr er am Freitag noch mal einen Sieg im Sprint ein. In dem Rennen also, das es kaum verzeiht, wenn man nicht alle Kräfte beisammen hat – dabei war Bö unter der Woche noch krank und hatte Fieber. Nun also noch mal so eine Leistung, die seine Konkurrenten daran zweifeln ließ, dass sie wirklich denselben Sport betreiben. Johannes Thingnes Bö geht als Ikone. Eine letzte große Leistung.