Eine Stunde vor der Abfahrt nach Oberfranken waren die einst so freundschaftlichen Bande endgültig zerschnitten: Manfred Schwabl, Präsident des Fußball-Drittligisten SpVgg Unterhaching, entschied am Freitagmittag, Cheftrainer Heiko Herrlich von seinen Aufgaben zu entbinden. Der Streit über Personalfragen war in den Tagen seit der Derbyniederlage gegen den TSV 1860 München (1:2) eskaliert. Und so betreute Sven Bender, wie schon nach der Entlassung von Marc Unterberger im Dezember, die Mannschaft im bayerischen Toto-Pokal-Halbfinale bei Eintracht Bamberg. Der frühere Nationalspieler konnte am Ende durchatmen, die Hachinger setzten sich mit 3:1 (1:0) beim Vorletzten der Regionalliga Bayern durch. Nachdem Fabio Torsiello die Münchner Vorstädter früh in Führung gebracht hatte (10.), glich Andreas Pfahlmann für Bamberg aus (69.). Manuel Stiefler (90.+1) und Johannes Geis (90.+3) verhinderten mit ihren späten Toren ein Elfmeterschießen.
Geis übrigens war nach SZ-Informationen neben Kapitän, Sportdirektor und Präsidentensohn Markus Schwabl jener Spieler, den Herrlich aus dem Kader streichen wollte. „Ich habe Illertissen im Hinterkopf gehabt“, sagte Schwabl senior am Samstag im Bayerischen Fernsehen. Im September 2023 hatten blasse Hachinger das Viertelfinale 0:3 beim FVI verloren, auch, weil wichtige Spieler geschont worden waren. Aus dem Umfeld der Mannschaft war zu erfahren, dass Herrlich in Bamberg vor allem jungen Spielern eine Chance hätte geben wollen. So soll er auch den Einsatz von Simon Skarlatidis infrage gestellt haben.
Doch es gab noch einen tiefer sitzenden Grund für den Bruch zwischen Herrlich und Schwabl junior. Dem Vernehmen nach hatte der 53-jährige Trainer schon kurz nach seinem Amtsantritt im Januar intern dessen Doppelfunktion als Spieler und Sportchef kritisiert. So drängt sich jetzt der Eindruck auf, dass Herrlich mehr Einfluss genommen hat, als vom Verein geplant war. Präsident Schwabl hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass Sven Bender seine 1A-Lösung als Trainer ist.
Im Finale des bayerischen Pokals geht es gegen Illertissen, das zum vierten Mal in fünf Jahren im Endspiel steht
„Wir hatten eine Aufgabe, nämlich hier weiterzukommen. Und das haben wir geschafft“, sagte nun Bender nach dem Spiel. Mit einem Cupsieg hätten die finanziell angeschlagenen Hachinger, denen der Abstieg aus der dritten Liga droht, die Qualifikation für die nächste Ausgabe des DFB-Pokals und damit garantierte Prämien in Höhe von rund 210 000 Euro in der Tasche. Endspielgegner ist am 24. Mai Regionalligist FV Illertissen, die Schwaben schlugen Drittligist FC Ingolstadt mit 1:0 und erreichten zum vierten Mal in den vergangenen fünf Jahren das Finale – zweimal gewannen sie es gar.
Lange freuen können sich die Hachinger über den Finaleinzug nicht, denn es stehen zeitnah Themen von erheblicher Tragweite an. Zum einen die Trainerfrage: Sven Bender wieder zum Chefcoach zu machen, sei nun eine naheliegende Option, sagte Präsident Schwabl auf SZ-Nachfrage. Allerdings drohen dann abermals Strafzahlungen, da dem 35-Jährigen die für einen Drittliga-Trainer obligatorische Uefa-Pro-Lizenz fehlt. Eine Zweiwochenfrist ohne Lizenztrainer dürften die Hachinger jetzt erneut geltend machen, dann stünden aber immer noch mindestens sieben Ligaspiele an. Schwabl deutet eine interne Lösung an, bleibt jedoch vage. Als Lizenztrainer unter dem wahren Coach Bender könnte sich nach SZ-Informationen der 33-jährige U16-Coach Vitali Matvienko anbieten, der offiziell zwar auch nur über die A-Lizenz verfügt. Im Vereinsumfeld heißt es, dass Matvienko aktuell in der Heimat in Georgien den Lehrgang zur Pro-Lizenz ablegt.
Am Samstag steht das Risikospiel gegen Aachen an, doch das Sicherheitskonzept ist immer noch nicht abgesegnet
Noch länger beschäftigen dürfte die Hachinger die Frage, wie oft sie eigentlich noch ihr eigenes Stadion nutzen dürfen. Nachdem die Partie gegen Hansa Rostock aufgrund des zu spät eingereichten Sicherheitskonzepts abgesagt worden war und immer noch nicht neu angesetzt ist, steht nun auch das nächste Risikospiel gegen Alemannia Aachen diesen Samstag auf der Kippe. Das Sicherheitskonzept sei mittlerweile von der Gemeinde Unterhaching an die Polizei weitergeleitet worden, sagt Manfred Schwabl. Erst wenn von den verantwortlichen Beamten grünes Licht kommt, ist der Weg frei für das Spiel. Das kann allerdings noch dauern. Und nach SZ-Informationen sieht die Polizei eine verlässliche Fantrennung als nicht gesichert an.
Das könnte zu der kuriosen Situation führen, dass die Partie zwar im Sportpark stattfindet, Heimfans aber ausgeschlossen werden. Laut Aachener Zeitung soll Haching Optionen angeboten haben: entweder ein Geisterspiel, ein Spiel mit maximal 5000 Zuschauern, die ausschließlich der Alemannia zugeneigt sind – oder die Verlegung an einen neutralen Ort; ob sich der 1. FC Nürnberg als Ausrichter anbietet, soll sich wohl am Montag entscheiden.
Der Unmut über die Hachinger wächst indes vielerorts. Die Lausitzer Rundschau berichtet bereits, dass auch das Heimspiel der SpVgg gegen Energie Cottbus gefährdet ist, ein weiteres Risikospiel. Die Hachinger verzerrten mit ihrer fehlenden Professionalität möglicherweise Abstiegs- wie Aufstiegskampf, so die Kritik aus Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Zum Spiel gegen Aachen erklärt Schwabl: „Ich schließe nichts aus. Jeder, der will, soll spekulieren.“
Auszuschließen ist bei der SpVgg in diesen Tagen tatsächlich kaum noch etwas. Unter den Fans scheint die Vereinsführung derzeit den Rückhalt zu verlieren. Unmut hatte unter der Woche auch ein Social-Media-Post von Markus Schwabl hervorgerufen. Darin hatte er einen Fan gemaßregelt, der ihn offenbar nach der Niederlage bei Sechzig angespuckt hatte. Im Internet ging es daraufhin hoch her. Die Baustellen in Unterhaching werden nicht weniger.