Es dauerte ein wenig am Sonntagnachmittag, dann hatten die Straubinger das Licht auf ein Minimum herunter gedimmt in ihrem Eisstadion am Pulverturm. Dunkelheit wie im Dezember im Norden Finnlands brach sich um 14 Uhr Bahn, weil nach und nach die teuren LED-Strahler über dem Eis abgeschaltet waren. Das ganze Brimborium war schlicht pure niederbayerische Eishockey-Romantik: Nur Sekunden später flimmerte der Kabarettist Hannes Ringlstetter, der aus der Gäubodenstadt stammt, auf dem Videowürfel oberhalb der Eismitte. Er sang seine „Macht vom Pulverturm“, die Stadionhymne der Straubing Tigers aus der Deutschen Eishockey Liga – an einem eigentlich ruhigen Sonntagnachmittag in Niederbayern, der noch einen spannenden Krimi bereithielt.
Dass es schon mit dem Vorprogramm ein wenig länger dauerte, das passte zu diesem Eishockey-Nachmittag der Straubinger gegen die Eisbären Berlin im vierten Spiel des Playoff-Viertelfinales: Klein gegen Groß, und der Kleine hielt in einem dramatischen Duell bis in die zweite Verlängerung mit. Bloß das Happy End blieb den Tigern verwehrt: Um 17.28 Uhr kassierten sie den entscheidenden Tiefschlag, Korbinian Geibel traf in der 84. Minute mit seinem ersten Playoff-Tor zum 4:3 (2:0, 1:2, 0:1, 0:0, 1:0). Berlin hat seine Führung in der Best-of-seven-Serie auf 3:1 ausgebaut – und könnte bereits am Dienstag ins Halbfinale einziehen.
Doch von dieser nervenaufreibenden Partie hatten die Anhänger dreieinhalb Stunden zuvor höchstens eine Vorahnung. Ringlstetter hob also an: „Straubing Tigers, mia gwinnan mitnand ...“ – und die Meute im mit 5635 Zuschauern ausverkauften Stadion stimmte stolz ein. Doch der Niederbayer, Pragmatiker, der er im Zusammenleben mit dem manchmal erdrückenden Oberbayern geworden ist, baut sich auch immer eine Hintertür fürs Unliebsame ein. „Und wenns a so sei soll, verlierma mitnand.“ Manchmal bergen auch Stadionlieder Vorahnungen.
„Gegen so eine Mannschaft wie Berlin musst du von der ersten Minute an bereit sein – und nicht erst ab der zehnten“, sagt Angreifer Leonhardt
Enttäuschend wirkte sich am Ende ein aus Straubinger Sicht miserables erstes Drittel aus: „Gegen so eine Mannschaft wie Berlin musst du von der ersten Minute an bereit sein – und nicht erst ab der zehnten“, sagte der Tigers-Angreifer Danjo Leonhardt bei Magenta Sport. Die Rekordmeister aus Berlin wirkten immer einen Schritt schneller, eine Umdrehung cleverer in dieser so flinken Sportart und stürmten mit 2:0 in die erste Drittelpause. Liam Kirk (7. Minute) und Ty Ronning (11.) brachten die Hauptstädter mit zwei viel zu einfach erwirtschafteten Treffern in Führung. Erst dann meldete sich der Gastgeber an, hatte vor allem Gelegenheiten durch Joshua Samanski, der Medienberichten zufolge im Sommer zum Gegner wechselt.
Doch ab dem zweiten Drittel brachten die in der Hauptrunde siebtplatzierten Straubinger den Zweiten Berlin dann aufs eigene Niveau herunter – und bissen in den richtigen Momenten zu: Denn plötzlich sammelten die Gäste immer mehr Strafminuten und eröffneten den Tigern unverhoffte Chancen. Mit insgesamt drei Powerplay-Toren von Josh Melnick (23.), Tim Fleischer (40.) und Justin Scott (51.) meldeten die sich bis zum regulären Spielende zurück – „die Jungs haben einen super Job gemacht“, fand Scott kurz nach dem Ausgleich.
Als er den Puck zum 3:3 im zweiten Versuch ins Mausloch zwischen dem Schlittschuh von Berlins Torwart Jonas Stettmer und dem Torpfosten setzte, war es so gekommen, wie es in diesem Duell so oft kommt: Wie in der vergangenen Saison im Playoff-Halbfinale (das Berlin 4:1 für sich entschied) musste diesmal im Viertelfinale die Verlängerung eine Partie entscheiden. Damals traf Ronning nach exakt 110 Minuten und 40 Sekunden, in der dritten Verlängerung um kurz vor Mitternacht. Es war das drittlängste Spiel der DEL-Historie.
Diesmal machten sich die Tigers auf, die Partie früher zu entscheiden: Mike Connolly zauberte den Puck alleine vor dem gebürtigen Straubinger Stettmer aber knapp vorbei (65.), Scott scheiterte ähnlich aussichtsreich an dem Keeper (76.). Berlin reagierte in diesen Momenten nur noch auf die Aktionen der Außenseiter – und hatte neben Stettmer viel Glück. Ehe in der zweiten Verlängerung dann doch Geibel entscheidend traf und die Weißen vor ihrer kleinen Kurve jubelten. Wenn es nun ganz blöd läuft, ist die Saison für die Straubinger mit einer Niederlage am Dienstag schon beendet.