Wahrscheinlich hätte man Luciano Spalletti an diesem Abend alles fragen können: wohin er im Sommer in Urlaub fahren wird; was sein Leibgericht ist oder was er zu den aktuellen politischen Verhältnissen in der Türkei sage. Irgendwann in seiner Antwort wäre der Trainer der italienischen Nationalmannschaft ganz bestimmt auf das zweite Tor der Deutschen zu sprechen gekommen.
In der Pressekonferenz nach dem 3:3 seines Teams im Viertelfinale der Nations League kam Spalletti immer wieder auf das 2:0 der Gastgeber zurück. „Das geht nicht, das geht überhaupt nicht“, schimpfte er. „Das war der Nackenschlag.“ Spalletti, 66 Jahre alt und in vielen Duellen gestählt, war sichtlich entrüstet.
Knapp zehn Minuten vor der Pause hatten er, seine Mannschaft, die 64.762 Menschen im Dortmunder Stadion und die Millionen an den Fernsehschirmen einer kleinen Weltsensation beigewohnt. Etwas, was Spalletti in seiner langen Karriere so womöglich noch nicht erlebt hat.
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Gianluigi Donnarumma, der Torhüter der Squadra Azzurra, war aus seinem Tor geeilt. Er sprach eindringlich auf seine Vorderleute ein, weil sie Antonio Rüdiger unbehelligt aus dem Halbfeld hatten flanken und Tim Kleindienst ebenso unbehelligt hatten köpfen lassen, sodass Donnarumma sich mit seinen 1,97 Meter ordentlich hatte strecken müssen, um den Ball noch irgendwie aus dem Torwinkel zu kratzen.
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Als Italiens Torhüter noch gestikulierte und motzte, führte Joshua Kimmich bereits die folgende Ecke aus. Er passte zu Jamal Musiala, der seine Arme gehoben hatte, weil er am Fünfmeterraum vollkommen frei stand und den Ball zum Erstaunen des italienischen Torhüter und des erzürnten italienischen Trainers zum 2:0 ins leere Tor schob.
Der Balljunge und Kimmich hatten Augenkontakt
Im modernen Fußball wird das Spiel in seine Einzelteile zerlegt, und im Zuge dieser Entwicklung wird inzwischen auch dem Vor-Vorlagengeber besondere Beachtung geschenkt. Der sogenannte Pre-Assist ist bei der Datenerhebung längst eine eigene, durchaus bedeutende Kategorie. Ein perfekter Pre-Assist versetzt den Vorlagengeber erst in die Lage, die passende Vorlage zu geben.
So wie am Sonntagabend gegen Italien. Die Vorlage zu Kimmichs Assist gab Noel Urbaniak, der die aussichtsreiche Situation blitzschnell erkannte. Er hatte einen kurzen Augenkontakt mit Kimmich, deutete dessen Signale so, „dass er den Ball brauchte“ – und gab ihm, was der Kapitän der Deutschen verlangte.
Er warf Kimmich den Ball zu. Denn Noel Urbaniak, 15 Jahre alt und B-Jugendfußballer vom Dortmunder Stadtteilverein Hombrucher SV, war als Balljunge an der Eckfahne eingeteilt, zum ersten Mal überhaupt in seinem Leben, wie er später im Interview bei RTL erzählte. „Das fühlt sich wirklich gut an“, sagte er über seinen Beitrag zum zweiten Tor der Nationalmannschaft.
Kimmich posierte später mit dem Vor-Vorlagengeber für ein gemeinsames Foto, unterschrieb einen Spielball, den Noel Urbaniak mit nach Hause nehmen durfte, und richtete auch noch ein paar Worte an den Balljungen: „Er meinte: Danke.“
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Kimmich kannte Donnarummas Gepflogenheiten
Schon im Hinspiel in Italien hatte Joshua Kimmich mit einer Ecke ein wichtiges Tor – den 2:1-Siegtreffer durch Leon Goretzka – vorbereitet. Da allerdings auf eher konventionelle Art und nach einer vorher einstudierten Variante. Das 2:0 am Sonntag war hingegen vor allem der Geistesgegenwart Kimmichs zu verdanken.
„Jo ist allgemein dafür bekannt, dass er schnell spielen möchte“, sagte Mittelfeldspieler Angelo Stiller. Im modernen Fußball ist es immer schwieriger, Lücken zu finden, vor allem wenn die gegnerische Mannschaft es schafft, in der sogenannten Ordnung zu bleiben. Da ist es natürlich extrem hilfreich, einen Moment zu erwischen, in dem der Gegner seine Ordnung noch nicht wiederhergestellt hat.
Der Balljunge macht das gut. Aber der entscheidende Spieler ist Josh, der den Ball schnell will.
Bundestrainer Julian Nagelsmann
„Man kann das nicht einstudieren. Dann müsste man den gegnerischen Torwart noch mitnehmen zum Training“, sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann. „Der Balljunge macht das gut. Aber der entscheidende Spieler ist Josh, der den Ball schnell will.“
Und doch gibt es Hinweise darauf, dass der Treffer nicht allein Kimmichs Geistesgegenwart entsprungen war. Dass Donnarumma gerne mal gestikuliert wie ein italienischer Verkehrspolizist und dann abgelenkt ist, scheint Deutschlands Rechtsverteidiger tatsächlich im Kopf gehabt zu haben.
Bereits vor seiner Ecke hatte er mit einem schnell ausgeführten Freistoß versucht, den italienischen Torhüter zu überrumpeln. Joshua Kimmich schmunzelte. „Man bereitet sich schon ein bisschen auf den Gegner vor“, sagte er.