So eine Aufstellung hat es bei Manchester City in der Premier League vermutlich noch nie gegeben. Der Spielberichtsbogen des Klubs las sich am Mittwochabend, als wären die Namen der Startelf mit denen auf der Ersatzbank vertauscht worden. Die Anfangsformation bestand fast ausschließlich aus Talenten und Zugängen. Stattdessen waren die langjährigen Stützen der Mannschaft plötzlich Reservisten: Kevin De Bruyne, Ilkay Gündogan, Bernardo Silva, Jack Grealish, Nathan Aké und Phil Foden – alle saßen im Ligaspiel bei Tottenham Hotspur draußen. Die ersten fünf waren Teil der Champions-League-Siegerelf von 2023, und Foden wurde damals im Endspiel nach wenigen Minuten für den verletzten De Bruyne eingewechselt. Ihr Gesamtmarktwert beläuft sich immer noch auf 320 Millionen Euro.
Die Personalwahl von Trainer Pep Guardiola ließ vermuten, City würde ein Testmatch gegen einen Amateurverein bestreiten. Dabei handelte es sich für den Serienmeister um ein für die neuerliche Champions-League-Qualifikation immens wichtiges Auswärtsspiel. Trotzdem verzichtete Guardiola aus freien Stücken auf seine Ausnahmespieler – beziehungsweise: Er tat es vermutlich genau deswegen. Denn der Katalane, bei dem sich neue Spieler sonst häufig erst mal über einen längeren Zeitraum bewähren müssen, dürfte die Erfolgschancen für sein Team diesmal ohne das Mitwirken der prominenten, aber formschwachen Profis höher eingeschätzt haben. Und damit machte er zumindest nichts falsch.
Denn City verteidigte durch das 1:0 (1:0) in Tottenham, sichergestellt von Torjäger Erling Haaland in der zwölften Minute, den vierten Tabellenplatz. Der würde gerade noch zur Teilnahme an der Königsklasse berechtigen, sofern die englischen Vertreter sich durch ihr bisher gutes Abschneiden im Europapokal nicht noch einen zusätzlichen fünften Startrang erspielen. Um diese lukrativen Plätze streiten sich im Verfolgerfeld der Premier League in dieser Saison sieben Vereine. Der Abstand zwischen City und dem zehntplatzierten Aston Villa beträgt lediglich fünf Punkte.
Marmoush, Doku und Savinho suchen im Angriff immerzu den direkten Weg zum Tor
Im Vergleich zu den müden Darbietungen der vergangenen Monate wirkte Guardiolas Mannschaft in der ersten Halbzeit am Mittwoch wie ausgewechselt, sie sprühte vor Energie und Tatendrang. Der Coach berief drei Winterzugänge in die Startelf, den Innenverteidiger Abdukodir Khusanov (RC Lens), den Ballverteiler Nico González (FC Porto) und den Angreifer Omar Marmoush (Eintracht Frankfurt). Bis auf die arrivierten Rúben Diaz und Haaland waren alle anderen City-Feldspieler erst im Verlauf der vergangenen eineinhalb Jahren zum Klub gestoßen. Die Elf hatte fast nichts mehr gemein mit dem zuletzt so arg kriselnden Team. Und sogar die unter Guardiola bisher auf Ballbesitz fixierte Strategie veränderte sich. Das City-Spiel sah so schnell und schnörkellos aus wie lange nicht mehr. Dies lag auch an der neuen jungen Angriffsreihe aus Haaland, Marmoush, Jeremy Doku und Savinho, die immerzu den direkten Weg zum Tor anpeilte.
Der Guardian verpackte sein Lob in der Frage, wo sich diese Version von City denn zuletzt „versteckt“ hätte. Auch Guardiola war angetan von seinen Talenten und stellte ihnen eine „glänzende Zukunft“ in Aussicht. Damit läutete er quasi den Beginn einer neuen Generation ein, nachdem er kürzlich so deutlich wie nie das Ende der alten Garde proklamiert hatte. Guardiola sagte, es sei Realität, dass einige Spieler den gegenwärtigen Spielrhythmus nicht mehr bewältigen könnten. Da die steile Abfahrt der Mannschaft im Oktober mit einer Ligapokal-Niederlage in Tottenham begonnen hatte, hofft man nun, dass der Erfolg an selber Stelle eine Art Auslaufzone darstellt. Während dieser Zeitspanne gab es für den Spitzenklub City beispiellose 14 Niederlagen in 27 Pflichtspielen.
Auf die Frage, ob man schon so gut sei wie früher, entgegnete Guardiola, dies sei vorerst nicht zu schaffen, weil das alte Team dafür zu gut gewesen sei. Einige der Routiniers werden am Samstag wohl wieder auflaufen: im FA Cup gegen den Zweitligisten Plymouth.