Wenn an diesem Sonntag die deutschen Volleyballklubs in Mannheim wieder ihre Pokalsieger küren, zunächst die Frauen, im Anschluss die Männer, ist dort ein Name dabei, den wohl kaum jemand auf der Rechnung hatte. Die Frauen des USC Münster messen sich mit dem Dresdner SC, und es benötigt nur einen kurzen Blick auf die Bundesliga-Tabelle, um zu ahnen, wer in dieser Partie die Außenseiterrolle hat. Dresden ist Tabellendritter, die Sächsinnen gehören seit Jahren zu den großen Vier im deutschen Frauenvolleyball, neben Stuttgart, Schwerin und Potsdam. Münster? Ist Drittletzter, mit sieben Siegen aus 22 Spielen. Es ist also wenig verwunderlich, wenn Ralph Bergmann sagt: „Dresden ist der absolute Favorit. Aber wir glauben daran, dass wir sie ärgern können.“
Klar, Münster hatte ein wenig Losglück, im Pokal-Achtelfinale bezwangen sie den Zweitligisten Vilsbiburg, im Viertelfinale Wiesbaden, im Halbfinale dann Aachen. Glück gehört dazu in diesem Wettbewerb, gerade Bergmann weiß das. Münsters Sportdirektor war früher selbst Volleyballprofi, 225-maliger Nationalspieler, bei Klubs in Portugal, Griechenland, Frankreich, Belgien und der Türkei unter Vertrag – und 1993 Pokalsieger mit Bayer Wuppertal. Der 54-Jährige kennt das Gefühl, Titel zu gewinnen.
Es ist ein Gefühl, das in Münster in den vergangenen beiden Jahrzehnten eher verloren gegangen ist. Der USC galt einst als einer der Volleyballklubs, bei Männern wie Frauen. Gründungsmitglied der Bundesliga, zwischen 1965 und 1972 bei den Männern ununterbrochen deutscher Meister. Die Frauen sammelten in den Siebzigern, Achtzigern, Neunzigern ebenfalls Titel am Fließband, neunmal wurden sie deutscher Meister, elfmal DVV-Pokalsieger, viermal gewannen sie den Europapokal. Doch die großen Zeiten des USC sind längst verblichen. Die letzten Titel datieren aus dem Jahr 2005, damals holte der Klub das Double aus Meisterschaft und Pokalsieg.
20 Jahre später hat der Verein nun die Chance, wieder einen Titel zu gewinnen – und das, obwohl er mitten in der Konsolidierung steckt. „Wir müssen Schulden abbauen“, sagt Bergmann, und wenn man das geschafft habe in den nächsten drei, vier, fünf Jahren, „dann wollen wir wieder an alte Erfolge anknüpfen.“

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Auch deutschen Volleyballerinnen bieten sich außergewöhnlich gute Arbeitsbedingungen. Hinzu kommen prominente Investoren. Überleben wird wohl trotzdem nur eine der beiden Ligen – wenn überhaupt.
Münster hatte – nicht zuletzt wegen falsch abgeführter Lohnsteuern – über die Jahre 400 000 Euro Schulden angehäuft, wie in einem Protokoll der außerordentlichen Mitgliederversammlung des USC Münster vom 9. April 2024 auch öffentlich einzusehen ist. Der Klub, der als eingetragener Verein in der höchsten deutschen Spielklasse antritt, also ohne ausgegliederte Betriebsgesellschaft, stand kurz vor der Insolvenz. Überbrückungsdarlehen, der Einsatz des Hauptsponsors und massive Einsparungen im Trainerstab und bei den Spielerinnen retteten den USC vorerst, und das in einem ohnehin schwierigen Umfeld.
Nach der Corona-Pandemie schlitterte die Frauen-Bundesliga in die Krise, aktuell spielen dort nur noch neun Klubs um acht Playoffplätze, selbst Spitzenvereine wie Potsdam, Dresden und Stuttgart plagten finanzielle Probleme. Aus dem einstigen Leuchtturm im deutschen Frauen-Mannschaftssport ist ein Sorgenfall geworden. Immerhin hat die Volleyball-Bundesliga diese Woche einen Paketaufstieg der drei Zweitligisten Skurios Volleys Borken, ETV Hamburg und Binder Blaubären TSV Flacht beschlossen, sodass im kommenden Jahr voraussichtlich zwölf Klubs in der Frauen-Bundesliga spielen. Die Neulinge werden, wie man es schon in der Männer-Bundesliga vor Jahren gemacht hat, mit einem umfassenden Welpenschutz ausgestattet, dazu gehören eine zweijährige Nichtabstiegsregelung sowie finanzielle und organisatorische Erleichterungen.
In Chiara Hoenhorst wurde 2018 eine Spielerin des USC aus einem furchtbaren Anlass überregional bekannt
Münster setzt nun auf ein rigoroses Sparprogramm, 100 000 Euro pro Saison sollen in die Schuldentilgung fließen. Die Mannschaft sei auch deshalb „die jüngste der Liga“, wie Sportdirektor Bergmann mit einer Mischung aus Realismus und Stolz sagt. Deutsche Nachwuchsspielerinnen wie Hauptangreiferin Mia Kirchhoff, 20, Blockerin Luisa van Clewe, 22, und Zuspielerin Emilia Jordan, 18, gelten als Beispiele für Münsters neuen Weg. Bis auf Blockerin Esther Spöler sind alle im Kader zwischen 2000 und 2006 geboren. „Da, wo wir stehen, gehören wir auch hin“, sagt Bergmann – und meint damit eher nicht das Pokalfinale, sondern die Konstellation in der Liga. Er findet das nicht schlimm, im Gegenteil.
Der Zuschauerzuspruch ist laut Bergmann der drittbeste der Liga, im Pokal-Halbfinale gegen Aachen war die Sporthalle Berg Fidel, die direkt neben der Fußballarena von Preußen Münster liegt, mal wieder fast ausverkauft mit 2800 Fans. Die Tradition, sie lebt also fort im Verein, der einiges durchgemacht hat in den vergangenen Jahren, nicht nur wegen Corona und all der Schulden.
In Chiara Hoenhorst wurde 2018 eine Spielerin des USC aus einem furchtbaren Anlass überregional bekannt. Sie war eines der Opfer jener Amokfahrt, bei der ein Lieferwagen in ein voll besetztes Straßencafé in Münsters Innenstadt raste, vier Menschen wurden getötet und zahlreiche weitere schwer verletzt. Hoenhorst, damals 21, erlitt schwerste Kopfverletzungen, sie versuchte es nochmal auf dem Feld nach künstlichem Koma und monatelanger Reha, trat dann aber ein Jahr später vom Profisport zurück. Inzwischen hat sie wieder angefangen mit Volleyball, sie spielt in Münsters zweiter Mannschaft in der zweiten Liga Nord.
Ihre Geschichte gehört zu diesem Klub dazu, genauso wie seine glorreiche Vergangenheit, wie die Finanzlöcher und auch die Konsolidierung, die nun im Vordergrund steht. Es ist eine Geschichte, die Hoffnung macht. Egal, wer in Mannheim gewinnt.