Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hält sich mit Kommentaren über das Tun oder Nichttun seiner Fußballvereine meistens sehr zurück. Da ist es schon fast als Wutausbruch zu werten, was der Verband über die Vorkommnisse in Unterhaching zu sagen hat: „Alles relativ ungewöhnlich.“ So formulierte es DFB-Sprecher Jochen Breideband am Donnerstag. Normalerweise gebe es Spielabsagen ja nur bei höherer Gewalt, nicht jedoch, weil dem Gastgeber aus eigenem Verschulden plötzlich sein Stadion nicht mehr zur Verfügung steht.
Der Verband dürfte aber vor allem deswegen sauer sein, weil er bis Dienstagabend gar nicht erfahren hatte, dass überhaupt eine Gefahr bestand für die Drittliga-Partie der SpVgg Unterhaching gegen Hansa Rostock. Zumal die Nachricht, dass es die Münchner Vorstädter versäumt hätten, ein seit Monaten gefordertes überarbeitetes Sicherheitskonzept vorzulegen, viel zu spät kam, um für den kommenden Sonntag noch ein Ausweichstadion zu finden. Da es sich wohl um einen Präzedenzfall handele, müsse man „die Vorgänge, die zur überraschenden Sperrung des Sportparks durch die Gemeinde geführt haben, und mögliche Konsequenzen daraus, nun intensiv prüfen“, hieß es in einer Stellungnahme.
Ein Nachholtermin für die Partie steht noch nicht fest. Offensichtlich bemüht man sich aber, Rostock nicht am grünen Tisch gewinnen zu lassen, sondern einen Ausweichtermin zu finden. Dafür muss der abstiegsbedrohte Münchner Vorstadtklub allerdings sehr schnell seine Hausaufgaben nachholen, die er so lange hat schleifen lassen – ein möglicher Termin wäre die nächste Länderspielpause rund um den 22. März.
Die Gemeinde hatte schon im Dezember klargestellt, dass das Sicherheitskonzept überarbeitet werden müsse
Auf SZ-Nachfrage sagt Simon Hötzl, Rathaussprecher der Gemeinde Unterhaching: „Wir haben nach dem letzten Heimspiel des vergangenen Jahres klargestellt, dass wir High-Risk-Spiele nicht mehr ohne ein erneuertes Sicherheitskonzept zulassen.“ Damals war Dynamo Dresden mit etwa 5000 Fans im Sportpark zu Gast gewesen. Es ist zwar nichts passiert, aber das war auch den anwesenden Einsatzkräften geschuldet, die der enormen Masse an Fans zurückhaltend begegneten. Zudem waren die Dynamo-Anhänger wegen des ungefährdeten 3:0-Siegs ihres Teams friedlich gestimmt.
Die Aussage von Rostocks Vorstandschef Jürgen Wehlend, wonach die aktuelle Absage nichts mit den schweren Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende bei Hansas Ostderby gegen Dresden (1:0) mit 51 verletzten Personen zu tun habe, stimmt genau genommen nur bedingt: Durch immer wiederkehrende Vorfälle bei Spielen mit Rostocker Beteiligung hatte die SpVgg selbst schon zu Saisonbeginn die für diesen Sonntag geplante Begegnung als ein solches Hochsicherheitsspiel deklariert. Demnach muss den Verantwortlichen der Hachinger mit Blick auf den Spielplan klar gewesen sein, dass die Zeit für ein neues Sicherheitskonzept drängte.
Dennoch sei auch die letzte Frist der Gemeinde, der verantwortlichen Sicherheitsbehörde, am 18. Februar verstrichen, betont Hötzl: „Bis dahin hätten wir es vielleicht noch unter Aufbringung aller Kräfte geschafft, das Spiel auszutragen.“ Weil vonseiten des Vereins keine Reaktion kam, sei keine andere Wahl geblieben als die Sperrung der Spielstätte, so der Gemeindesprecher: „Die Verantwortung nur auf die Polizei abzuwälzen, das tun wir nicht.“
Der nächste Gegner Verl dürfte wenige Fans mitbringen, aber auch Aachen, Cottbus und Bielefeld werden noch erwartet
Wie es um die Austragung der kommenden Heimpartien des Tabellenletzten steht, ist noch unklar. Die Gemeinde will sich dazu nicht äußern, es darf aber angenommen werden, dass der nächste Gegner SC Verl (11. März) nur wenige eigene Fans mit nach Oberbayern bringen wird und daher keine erhöhten Sicherheitsanforderungen bestehen. Das dürfte am 29. März, wenn die Hachinger Alemannia Aachen empfangen, schon wieder anders aussehen. Bis dahin muss das komplexe Konzept, in dem Teilaspekte wie Verkehr, Erste Hilfe, Brandschutz und sogar Extremsituationen wie ein „Massenanfall von Verletzten“ detailliert durchgeplant werden, fertig und abschließend geprüft worden sein. Auch Cottbus und Bielefeld kommen bis Ende Mai noch nach Unterhaching.
Beim Verein betonen sie, man sei in den vergangenen Monaten nicht untätig gewesen, auch wenn die Frist nun „gerissen wurde, das ist unstreitig richtig“, sagt SpVgg-Schatzmeister Dirk Matten, der im Klub neben anderen Personen für die Sicherheit zuständig ist. Es habe mehrmals Komplikationen bei der Erstellung des 650 Seiten dicken Dokuments gegeben, und man sei letztlich zu dem Schluss gekommen, eine externe Firma beauftragen zu müssen.
So kommt mit dieser Volte der Gemeinde ein chronisches Problem des Vereins an die Oberfläche: Bei der Einhaltung von Fristen hat sich Haching in den vergangenen Jahren nicht immer professionell gezeigt. Schon Anfang 2023, damals war Sandro Wagner noch Hachings Regionalliga-Trainer, war bekannt geworden, dass Spielergehälter zeitweise nicht pünktlich gezahlt werden konnten, ein Problem, das immer wieder hauptamtliche Mitarbeiter betraf und betrifft. Zugleich pochte der Aufsichtsrat Ende vergangenen Jahres auf einen rigiden Sparkurs. Jetzt zeigt sich: Mit noch weniger hauptamtlichen Mitarbeitern in der Geschäftsstelle bleiben auch die wichtigsten Termine unerledigt.
Dem Vernehmen nach soll das fertige Sicherheitskonzept bald nachgereicht werden. Allerdings dürften für den finanziell klammen Verein zusätzliche Kosten anfallen. Der DFB könnte eine Geldstrafe verhängen, auch Hansa Rostock hat rechtliche Schritte angekündigt. Das Mindeste dürfte die Rückerstattung von Reisekosten sein.