(SZ) Das Wort „Hoffnungsträger“ als solches ist nicht böse. Allerdings gehört es zu jenen Wörtern und Begriffen, die wegen ihres häufigen Missbrauchs oder ihrer Blähwirkung von sprachbewussten, also anständigen Menschen zu meiden sind. Wer gerne von „Herausforderungen“ spricht, wer etwas „auf dem Schirm hat“, wem bei Hoffnung einfällt, dass sie zuletzt stirbt, wer befindet, dass „wir gut aufgestellt“ sind – wer so denkt oder schreibt, der kann getrost auch „Hoffnungsträger“ sagen, weil’s dann eh schon wurscht ist. Vermutlich ist das schöne Schreiben und Sprechen ohnehin dem Untergang geweiht, so wie die Vernunft, gar die politische, dem Untergang geweiht ist, die beleidigungslose Debatte oder das Versenden handgeschriebener Briefe. In der Bibel heißt es, es gebe eine Zeit für alles, eine Zeit zu lieben, zu hassen, zu lachen und zu klagen. Jetzt ist eindeutig die Zeit zu klagen, es sei denn, man möchte mit dem irren Donald auf einer Liege am Strand von Gaza eine Diet Coke trinken.
Wer klagen muss, braucht Hoffnung. Gerade ist eine Online-Petition angelaufen, die angeblich von ein paar Hunderttausend Menschen getragen wird und in der es heißt: „Hoffnungsträger dürfen nicht gehen, wenn sie am meisten gebraucht werden“. Die Petition richtet sich an Robert Habeck, unter dessen Spitzenkandidatur die Grünen so gestutzt wurden, dass sie im neuen Bundestag nur mit Mühe etwas mehr als halb so stark wie die AfD sein werden. Gewiss, im Vergleich zu Habeck ist Alice Weidel keine Hoffnungsträgerin, sondern Chucky, die Mörderpuppe. Andererseits sind gerade jene, die demütig oder eitel die Hoffnungen vieler auf sich laden, oft Menschen, die viel grübeln. Sie fragen sich, manchmal zumindest, wann Altruismus egoistisch wird. Und sie prüfen sich: Warum ausgerechnet ich? Oder: Muss ich wirklich die Welt (die Grünen, die Demokratie, die Sprache) retten? Bei Habeck hat dieser Prozess bewirkt, dass er nicht den Lindner machen, sondern in Zukunft aus der zweiten Abgeordnetenreihe mitwirken will. Das ist eine Herausforderung für Habeck, aber auch für die erste Reihe, das zu bleiben, was sie bisher war.
Man braucht vor allem dann Hoffnung, wenn es gerade besonders bescheiden läuft. Zum Beispiel überlegt Wolfgang Kubicki, ob er sich als menschgewordene Hoffnung für die Spitze der FDP bewerben sollte, was beweist, wie bescheiden es gerade für die FDP läuft. Außerdem soll der Hoffnungsträger ja nicht nur die Hoffnungen tragen, sondern sie erfüllen. Friedrich Merz zum Beispiel war vor der Wahl ein mäßiger Träger mäßiger Hoffnungen, was auch mit seiner Konkurrenz Olaf, Chucky, Markus und Robert zu tun hatte. Jetzt muss er sich als Hoffnungserfüller beweisen. Das ist ungleich schwieriger, weswegen man auch viel seltener von Hoffnungserfüllern als von Hoffnungsträgern hört.