So viel Porzellan gibt es in ganz Grönland nicht, wie Donald Trump hier innerhalb kürzester Zeit zerschlagen hat. Wobei man es auch positiv formulieren kann: Der amerikanische Präsident hat es durch seine mittlerweile offen vorgetragenen imperialistischen Annexionsträume erstens geschafft, alle grönländischen Parteien zu vereinen und die Grönländer zu einer der größten Demonstrationen ihrer Geschichte zu animieren. Es gelingt ihm zweitens, die noch vor Kurzem als hoffnungslos zerrüttet geltenden dänisch-grönländischen Beziehungen wieder aufblühen zu lassen. Und drittens scheint sogar der strenge arktische Wettergott mittlerweile aufseiten der Grönländer zu stehen.
Trump hatte bei einem Treffen mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte am vergangenen Donnerstag auf Nachfrage eines Journalisten, ob er Grönland zu annektieren gedenke, geantwortet: „Nun, ich denke, das wird passieren. Ich habe bisher nicht viel darüber nachgedacht, aber“ – und hier wandte er sich an Rutte – „ich sitze hier ja mit einem Mann, der der ganzen Sache sehr förderlich sein könnte.“ Trump hatte schon zuvor wiederholt gesagt, dass die USA Grönland brauchen, aus Gründen der Sicherheit, und den Grönländern versprochen, dass er sie „sehr reich“ machen werde, wenn sie sich den USA anschließen.
Am Freitag veröffentlichten alle fünf im grönländischen Parlament vertretenen Parteien eine Erklärung, in der sie Trump scharf für seine Aussagen kritisierten: „Wir – alle Parteivorsitzenden – können die wiederholten Aussagen zur Annexion und Kontrolle Grönlands nicht akzeptieren. Als Parteivorsitzende halten wir dieses Verhalten gegenüber Freunden und Verbündeten in einem Verteidigungsbündnis für inakzeptabel.“ Die Erklärung unterscheidet sich zum einen in ihrer Schärfe von bisherigen Verlautbarungen, in denen grönländische Politiker zwar betont hatten, Grönland gehöre den Grönländern, aber es doch vermieden hatten, Trumps aggressive Rhetorik offen zu kritisieren. Zum anderen fällt auf, dass sogar die rechtspopulistische Partei Naleraq, die im Wahlkampf noch für ein Assoziierungsabkommen mit den USA getrommelt hatte, diese Erklärung unterschrieben hat.

Gleichzeitig riefen am Freitag verschiedene Grönländer zu Demonstrationen in Nuuk, Sisimiut und Qaanaaq auf. Eigentlich toben gerade wilde Winterstürme um die arktische Insel. Pünktlich zum Beginn der Demonstrationen aber war der Himmel über ganz Grönland wie blankgefegt, und es kamen allein in der Hauptstadt mehr als tausend Leute zusammen, was bei einer Einwohnerzahl von 19 000 doch historisch zu nennen ist. Zu Beginn der Demonstration hielten der sozialliberale Gewinner der Parlamentswahlen vom Dienstag, der Demokraatit-Vorsitzende Jens-Frederik Nielsen, und sein Vorgänger, der scheidende Premierminister Múte B. Egede, eine gemeinsame Rede. Beide betonten, niemand habe das Recht, über ihre Insel zu verfügen. Da kurz vor der Wahl herausgekommen war, dass die Amerikaner offen versucht hatten, im Wahlkampf auf die Parteien und ihre Programme Einfluss zu nehmen, zogen die Demonstranten dann zum US-Konsulat. Da dessen Jalousien heruntergelassen waren, konnten die Mitarbeiter all die Schilder nicht sehen, auf denen stand, Grönland sei „Nicht zu verkaufen“.

Mette Frederiksen, die dänische Ministerpräsidentin, betonte am Sonntag, es müsse eigentlich nicht wiederholt werden, „aber Grönland ist Teil des Königreichs Dänemark. Wir haben die klare Erwartung, dass andere Nationen unsere territoriale Integrität respektieren.“ Die Grönländer seien ein stolzes Volk mit Träumen für die Zukunft. „Ich fordere alle auf, Grönland mit dem Respekt zu behandeln, den es verdient.“
Viele Grönländer sind zwar der Meinung, genau diesen Respekt habe Kopenhagen ihnen gegenüber viel zu lange vermissen lassen. Angesichts von Trumps Gebaren scheint den meisten aber die politische Koexistenz mit Dänemark ein weitaus kleineres Übel zu sein als eine drohende feindliche Übernahme durch die Amerikaner. Der designierte grönländische Premier Jens-Frederik Nielsen sagte am Samstag, das Haus der grönländischen Unabhängigkeit müsse „auf einem soliden Fundament errichtet werden“. Was wohl heißt: Die dänisch-grönländische Allianz wird dank Donald Trump fürs Erste weiter bestehen.