Man muss sich Himar Ojeda, 52, als innerlich zerrissenen Sportdirektor vorstellen. Am Mittwochabend, im Telefongespräch mit der SZ, ist es ihm ein Anliegen, zuallererst mal klarzustellen, dass Israel Gonzalez, 50, sein langjähriger Kumpel aus Studienzeiten, eigentlich der ideale Trainer für Alba Berlin sei, denn: „Isra ist nicht nur ein hervorragender Trainer, er spiegelt auch perfekt unsere Klub-DNA wider.“ Es sei deshalb, so Ojeda, eine „sehr traurige und schmerzhafte Entscheidung“ gewesen, Gonzalez, der die Berliner seit 2021 als Chefcoach trainierte und mit ihnen gleich in seiner ersten Saison das Double aus Meisterschaft und Pokal gewann, am Mittwochvormittag mit sofortiger Wirkung freizustellen.
Alba Berlin steckt seit Saisonbeginn in einer ordentlichen sportlichen Krise: In der Euroleague schon wieder abgeschlagen Letzter (5:24 Siege), haben die Albatrosse in dieser Saison auch in der Basketball-Bundesliga ihre Probleme. Bei einer Bilanz von zehn Siegen zu elf Niederlagen stehen sie aktuell auf dem zehnten Tabellenplatz, das mittlerweile arg heruntergestufte Saisonziel lautet „Hauptsache, irgendwie in die Playoffs kommen“ – eigentlich eine Schmach für den so stolzen wie ambitionierten Hauptstadtklub.

Basketball-Bundesliga
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Großer Kampf der ewigen Konkurrenten
Der FC Bayern und Alba Berlin verlangen sich im Bundesliga-Duell alles ab, die Klasse der Münchner setzt sich erst in der Verlängerung durch. Vor den anstehenden Euroleague-Partien schmerzt die Münchner die Verletzung von Devin Booker.
Dass jetzt vor dem letzten Saisondrittel der Cheftrainer fliegt, ist so weit nachvollziehbar. Die Frage, die sich eher stellt, lautet: Warum gerade jetzt? Es hätte, so argumentieren Fans und Medien seit Wochen, ach was, seit Monaten, zig Momente gegeben, Gonzalez zu feuern. Beispielsweise, als Berlin am 31. Dezember zu Hause gegen Rostock verlor, gegen eine Mannschaft, die Alba in den vergangenen Jahren selbst in einer Doppelspieltagswoche der Euroleague locker geschlagen hätte. Oder einen Monat später, am 27. Januar, nach einem blutleeren Auftritt in Oldenburg (92:97). Selbst Gonzalez gestand Anfang Februar in einem Interview mit der Bild-Zeitung: „Es gab durchaus die Situation, in der ich gedacht habe: ‚Nach diesem Spiel werde ich gefeuert‘.“
Der „Berliner Weg“ sieht nicht vor, den Cheftrainer unter der Saison zu opfern
Aber sowohl Sportdirektor Ojeda als auch Geschäftsführer Marco Baldi stärkten Gonzalez immer wieder demonstrativ den Rücken. So sagte Baldi vor der Niederlage am 2. Februar im Münchner BMW Park, bei der sich die Berliner dann überraschend konkurrenzfähig präsentierten: „Er ist ein sehr guter Trainer, der sehr gut in unser Profil passt. Da überlegt man sich fünfmal, ob man den schnell mal opfert in so einer schwierigen Situation.“ Überhaupt: Einen Trainer unter der Saison zu opfern, das widerstrebt ganz grundsätzlich dem „Berliner Weg“, wonach es immer zuvorderst um spielerische Entwicklung und Zusammenhalt geht und nicht um Ergebnisdruck und bequeme Schuldzuweisungen.
Die beiden Klubverantwortlichen betonten außerdem, man werde nicht Gonzalez für das Verletzungspech in dieser Saison bestrafen. Und auch nicht dafür, dass es das Management nicht geschafft hatte, die beiden Schlüsselspieler der Vorsaison, also Weltmeister Johannes Thiemann (Wechsel nach Japan) und Sterling Brown (Partizan Belgrad), auch nur ansatzweise zu ersetzen: Wunschspieler Trevion Williams, der aus Ulm gekommen war, zog bereits um Weihnachten weiter zu Maccabi Tel Aviv. Und der Australier Will McDowell-White hatte bis weit in den Januar hinein große Anpassungsschwierigkeiten.

Also stellt man jetzt an diesem Mittwochabend Himar Ojeda am Telefon diese Frage: Warum jetzt? Und er beantwortet sie, indem er erst mal feststellt: „Jetzt endlich, Mitte März, befinden wir uns in der Position, etwas aufzubauen für die Saison.“ Und er hat recht: Erst vor zwei Wochen waren erstmals in dieser Saison alle 15 Spieler fit und spielbereit, inklusive der drei Nachverpflichtungen Michael Kessens (aus Paris), Robert Baker II (aus der G-League) und David McCormack (aus Mailand). Und auch in der BBL hatte Alba zu einem kleinen Lauf angesetzt: Drei der vier vergangenen Spiele gewann man teils überzeugend, und den Tabellenführer Ulm zwang man auswärts immerhin in die Verlängerung. Und genau jetzt, da die Saison eigentlich so richtig losgehen kann, da sind dann Ojeda und die anderen Klubverantwortlichen zu dem Entschluss gekommen, dass Alba Berlin „einen Schock, einen neuen Impuls“ brauche, „um diese sehr schwierige Saison noch so erfolgreich wie möglich zu Ende zu bringen“.
Calles soll „den Kern unserer Alba-DNA bewahren“, so lautet der Auftrag an den neuen Coach
Gleichzeitig hört man aus Ojedas Ausführungen aber auch heraus, dass sie an der Spree in den vergangenen Monaten wirklich jeden noch so kleinen Stein umgedreht haben müssen, bevor sie jetzt den letzten (und größten) ins Wasser werfen.
Beim 97:90 Euroleague-Heimsieg am Donnerstagabend gegen Vitoria-Gasteiz stand bereits Pedro Calles an der Seitenline, der Ojedas „volles und langfristiges Vertrauen“ genießt (Vertrag bis 2027). Im Januar hatte Ojeda den erfahrenen Bundesligatrainer Calles (Vechta, Hamburg, Oldenburg) als Verstärkung für das Trainerteam dazugeholt, nachdem dieser selbst im vergangenen November in Oldenburg freigestellt worden war.
Dass er Calles im Januar bereits als heimlichen Schattentrainer installiert habe, verneint Ojeda vehement: „Ich hatte ihn schon vor der Saison 2022/23 unbedingt als Assistenztrainer zu uns holen wollen. Und hätte ich ihn jetzt nicht im Januar verpflichtet, wäre er sicherlich in die spanische erste Liga gegangen.“ Jetzt soll also Calles, der „Schüler der Basketballkultur von Aito und Isra“, „den Kern unserer Alba-DNA bewahren“. Der „Berliner Weg“ geht also erst mal weiter.