Die PR-Abteilung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat noch mal gut zu tun in diesen Tagen, da die Amtszeit ihres Präsidenten Thomas Bach auf die Zielgerade biegt. Zu Wochenbeginn präsentierte das IOC „Höhepunkte“ aus Bachs Reformprogramm, was wie eine Best-of-Platte einer versandenden Band daherkam. Olympische Spiele seien nachhaltiger geworden, Athleten noch tiefer ins Herz aller Mühen gerückt, die Kassen prall gefüllt. Am Donnerstag verkündete das IOC, es habe den milliardenschweren Vertrag mit dem US-Sender NBC bis 2036 verlängert. Kurzum, im Olymp fließe mehr Milch und Honig denn je.
Eine der spannendsten Nachrichten ging dabei fast unter. Ende Februar hatte das IOC mitgeteilt, es erkenne den Weltverband „World Boxing“ provisorisch als jene Institution an, die künftig das Boxen in der olympischen Bewegung organisieren soll. Was sperrig klingt, steht für einen Konflikt, den es in der Welt der fünf Ringe selten gab – und den das IOC auf den letzten Metern von Bachs Wirken offenbar mit Macht abräumen möchte.
Geht es nach dem IOC, wird „World Boxing“, ein taufrischer Verband, bald die International Boxing Association (IBA) ablösen – jenen traditionell affärenumspülten Verband, der 80 Jahre lang bei Olympia die Boxturniere verantwortete. Und wie so häufig in der Amtszeit von Thomas Bach lässt sich anhand dieses Konflikts noch einmal abklopfen, wie sehr es dem IOC tatsächlich um die angeblich so gute Sache geht.

Exklusiv
Thomas Bach
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Um die ganze Geschichte zu erfassen, muss man, wie so oft, ein paar Jahrzehnte zurückspulen – und landet wieder bei Thomas Bach. In den Achtzigerjahren hatte der damalige Adidas-Chef Horst Dassler den Pakistaner Anwar Chowdhry an die Spitze des Box-Weltverbands gehievt, der da noch AIBA hieß. Chowdhry war einer der berüchtigtsten Protagonisten aus Dasslers an berüchtigten Figuren nicht armen Sportfunktionärskabinett. Laut eines Mannes, der bei den konspirativen Planungsrunden damals dabei war und diese minutiös festhielt, saß in den Runden auch: der junge Bach, Dasslers rechte Hand.
Bach bestritt später, sich je an unlauteren Absprachen beteiligt zu haben. Im Boxverband, den nun der Adidas-Kollege Chowdhry lenkte, brach jedenfalls eine Ära der Skandale an. Unter Chowdhrys Nachfolger Wu, einem IOC-Mitglied aus Taiwan, eskalierte die finanzielle Misswirtschaft; 2016, bei Olympia in Rio, verschoben Offizielle in bester AIBA-Tradition Kämpfe. Das IOC, das bis dahin alles hatte geschehen lassen, attestierte dem Verband erst da „schwerwiegende Defizite bei Finanzen, Organisation und Kampfrichterwesen“. 2019 suspendierte es die AIBA. Diese benannte sich in IBA um, wählte den Russen Umar Kremljow an die Spitze.
Alle Klagen der IBA scheiterten bislang, auch vor dem Schweizer Bundesgericht
Kremljow verbindet nicht nur Kraft seines Nachnamens einiges mit Wladimir Putin, er brachte russische Sponsoren mit, darunter den Energieriesen Gazprom. Früher alles gern gesehen im Weltsport. Doch nun waren die olympischen Abwehrkräfte zunehmend renitent. Bis zum Knock-out im Sommer 2023: Weil die IBA vor allem nicht gezeigt habe, wo ihre üppigen Finanzströme entspringen, entzog ihr das IOC die Anerkennung als Weltverband in der olympischen Bewegung. Ein massiver und äußerst seltener Schritt.
Kremljow protestierte feurig, nannte Bach zuletzt gar eine „politische Prostituierte“. Doch alle Klagen der IBA scheiterten bislang, auch vor dem Schweizer Bundesgericht. Nur: Wenn man sich nach skandalgetränkten Dekaden nach einem sauberen Verband sehnt – sollte es dabei nicht erst recht sauber zugehen?
Weil die IBA suspendiert war, organisierte das IOC die olympischen Boxturniere 2021 und 2024 selbst. Dafür schuf es einen Mini-Boxverband, die „Boxing Unit“. Die sollte einspringen, bis ein integrer Weltverband in der Spur sein würde. Doch hatte sich das IOC gerade noch so gesorgt um die Umtriebe von AIBA bzw. IBA, hatte es auf einmal erstaunlich wenig Berührungsängste. Im September 2019 wechselten zwei Funktionäre, die operativ die Wettbewerbe, Punkt- sowie Ringrichter beim verschobenen Turnier in Rio 2016 verantwortet hatten, in die Box-Einheit des IOC – und dort in führende Positionen. Warum das IOC ausgerechnet diese Mitarbeiter verpflichtete, erklärte es damals auf Nachfrage nicht.
Andererseits ist da immer jenes Leitmotiv, das Thomas Bach auch auf dem IOC-Thron predigte: Unity, die Einheit der Bewegung. Wie sich das hinter den Kulissen manifestierte, haben Recherchen oft genug gezeigt: Fintieren, Rivalen ausstechen, Macht bündeln.

Was immer man von der neuen IBA halten mag: Sie machte keine Anstalten, sich Bachs Welt zu nähern. Besonders krass zeigte sich das an jenem Schlagabtausch, der während der Spiele 2024 in Paris eskalierte. Im März 2023 hatte die IBA die Algerierin Imane Khelif und Lin Yu-tin aus Taiwan nach wiederholten Tests disqualifiziert: Beide hätten gegen Richtlinien verstoßen, wonach nur Athletinnen mit weiblichem Chromosomensatz in den Ring steigen dürfen. Die IBA sagte, das IOC sei bereits 2022 informiert gewesen, als erstes Getuschel einsetzte (das IOC dementierte das auf Nachfrage nicht). Im Juni 2023 wusste das IOC in jedem Fall Bescheid.
Kurz darauf kegelte es die IBA aus der olympischen Familie. Khelif und Lin? Qualifizierten sich im Herbst 2023 für Paris, dort dominierten sie ihre Gewichtsklassen. Unterdessen hob in der Öffentlichkeit eine teils unwürdige Debatte darüber an, ob die Boxerinnen mit ihrer Schlagkraft in der Frauenklasse hätten starten dürfen.
World Boxing, also der Verband, der künftig die olympische Heimat des Sports sein soll, hielt Khelif und Lin nach Paris die Tür auf
Bach und das IOC konterten, die Boxerinnen seien ihr ganzes Leben als Frauen und Boxerinnen sozialisiert worden, in ihren Pässen sei als Geschlecht „weiblich“ vermerkt. „Willkürliche“ Tests seien kein Grund, daran zu zweifeln. Nur: Dass die IBA zweifelhaft ist, bedeutet nicht zwingend, dass Zweifel am Startrecht zweier Boxerinnen unberechtigt sind.
Doch das IOC verzichtete darauf, das fachliche Verdikt der IBA zu erschüttern, etwa mit eigenen Tests, die wohl leicht möglich gewesen wären. Khelif ließ eine Beschwerde gegen die IBA vor dem Sportgerichtshof Cas verfallen, Lin strenge gar keine an.
Dafür geschah im Oktober 2023, kurz nachdem sich Khelif für Paris qualifiziert hatte, wieder Erstaunliches. Mustapha Berraf, wie Khelif aus Algerien stammend und als Präsident aller afrikanischen Olympia-Komitees (Anoca) ein Mann mit viel Einfluss auf andere IOC-Mitglieder, warf sich bei der Session in Mumbai verbal in den Staub. Er wünsche sich, dass Bach im Jahr 2025 nicht, wie es die IOC-Satzung fordert, als IOC-Boss abtreten, sondern eine dritte Amtszeit anhängen möge.

Sportpolitik
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Und noch ein paar Details fügten sich kommod für die Beteiligten: World Boxing, also der Verband, der künftig die olympische Heimat des Sports sein soll, hielt Khelif und Lin bis zuletzt die Tür auf, sollten diese bei ihren Wettkämpfen starten wollen. Zuletzt nahm der Verband dann die Kunde entgegen, dass das IOC ihn provisorisch in die olympische Familie aufgenommen habe. Ab kommendem Montag, rund um die Wahl des neuen IOC-Oberhaupts in Griechenland, dürfte die Familie die Lage gewiss noch einmal besprechen, zumindest informell.
So ist das nicht nur auf den Spielfeldern des Sports: Manchmal setzen Beteiligte plötzlich ungeahnte Energien frei. Eigentlich muss sich ein Weltverband über Jahre gedulden, möchte er vom IOC die Anerkennung erhalten, eine Art Betriebserlaubnis fürs olympische Geschäft. Er sollte etwa – zum Zeitpunkt der Bewerbung – drei „Events von internationaler Bedeutung“ organisiert haben, in drei verschiedenen Kalenderjahren. Das macht die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zur Bedingung, ehe ein Weltverband sich ihrem Regelwerk unterwerfen darf, dem sogenannten Code.
Im Fall von World Boxing ist das bis heute nur gar nicht möglich; der Verband gründete sich im April 2023. Auch kommen, großzügig betrachtet, bislang nur zwei „Events von internationaler Bedeutung“ in Betracht: die U19-Weltmeisterschaft 2024 in Colorado Springs sowie der World Boxing Cup, eine Art Weltcupserie, die 2023 anlief. Trotzdem führt die Wada World Boxing mittlerweile als Unterzeichner des Codes.
Allerdings ist im Unterholz der Wada-Paragrafen eine Sicherung versteckt: Man könne bei „berechtigten Gründen“ von den drei erforderlichen Events abweichen. Die Entscheidung darüber obliege allein der Wada. Weshalb sie dies im Fall von World Boxing tat, lässt die Wada auf Anfrage unbeantwortet. Sie schreibt nur, dass World Boxing alle Kriterien erfüllt habe.
Warum die Geheimniskrämerei? Oder andersherum gefragt: Was hätte dagegengesprochen, bis zum kommenden Herbst mit der Anerkennung zu warten – wenn World Boxing seine ersten Weltmeisterschaften für Männer und Frauen in Liverpool ausrichten will? Stört es etwa, dass ab Sommer 2025 ein neuer IOC-Präsident die Geschäfte führen wird - einer, der vielleicht sogar weniger Probleme hätte mit einem Weltverband namens IBA?
Die IBA hat gerade deutlich besser gefüllte Kassen als World Boxing
Die provisorische Anerkennung des IOC verlieht World Boxing zuletzt jedenfalls noch einmal einen Schub. Am Mittwoch vermeldete er, dass sich ihm sechs weitere Nationalverbände angeschlossen hatten, man führe nun 84 Mitgliedsländer: ein eindrücklicher Beweis für das Vertrauen der Szene, dass World Boxing den Sport in eine bessere Zukunft führen werde, sagte Präsident Boris van der Vorst. Bei der Frauen-WM der IBA, die gerade in Serbien steigt, waren nur noch 51 Nationen gemeldet.
Allerdings ist der Berg an Aufgaben noch immer enorm, von einer komplett neuen Wettkampfstruktur bis zur Frage, wie sich World Boxing künftig in der Geschlechterdebatte positionieren wird. Man werde ein Regelwerk „in den kommenden Wochen“ präsentieren, teilte der Verband der Deutschen Welle zuletzt mit. Die Sicherheit der Boxerinnen sei „das absolut höchste Gut“. Das alles kostet nur Geld – das World Boxing (noch) nicht hat.
Die Bilanzen fürs Geschäftsjahr 2024 weisen ein Vermögen von knapp 100 000 Schweizer Franken aus, einen Verlust von knapp 150 000 Franken sowie einen Kredit über 250 000 Dollar, den der US-Verband seiner Dachorganisation zuletzt gewährte. Zwar habe der Weltverband „mehrjährige kommerzielle Partnerschaften bis 2028“ nachgewiesen, teilte das IOC jüngst mit; auch dürfte es World Boxing bald selbst Zuschüsse gewähren. Doch just der Verband, der World Boxing weichen soll, hat gerade deutlich besser gefüllte Kassen.
Obwohl sie für Paris gar nicht zuständig war, offerierte IBA allen Medaillengewinnern des Boxturniers Preisgelder, 100 000 Dollar allein für die Olympiasieger. So viel erhalten nun auch die Weltmeisterinnen in Serbien. Auch neben dem Ring fährt die IBA wieder die Ellenbogen aus, sie rief zuletzt die Schweizer Generalstaatsanwaltschaft an: Dass das IOC Khelif und Lin in Paris starten ließ, habe die Gesundheit anderer gefährdet, das verstoße gegen Schweizer Recht – und verdiene Ermittlungen, etwa gegen Thomas Bach persönlich.
Wenn schon untergehen, dann mit einem sportpolitischen Faustkampf, das scheint die Botschaft zu sein. Tiefschläge allerorten nicht auszuschließen.