Was auf St. Pauli die Stunde geschlagen hat, ist mitunter nicht so leicht zu ermitteln. Sobald die Mannschaften im heimischen Millerntorstadion den Rasen betreten, ertönt der Glockenschlag von „Hells Bells“, Konfettikanonen schießen bunte Schnipsel auf den Rasen, und unter die dröhnenden Gitarrenriffs der Band AC/DC mischt sich der Sound erwartungsfroher Kiezbewohner. Während der Einlaufzeremonie wirkt diese verrückte und zunehmend aus den Fugen geratende Welt ziemlich in Ordnung.
Am Freitag, beim Spiel gegen die TSG Hoffenheim, fühlten sich die St.-Pauli-Fans allerdings bemüßigt, ihrem Team eine Botschaft höchster Dringlichkeitsstufe mitzugeben. Was die Stunde geschlagen hat, war während des Glockenschlags einem großen Banner in der Südkurve zu entnehmen: „Klassenkampf“, stand darauf in dicken Lettern geschrieben, eine kämpferische Parole, die bei diesem hochpolitischen Klub tief verinnerlicht ist. Diesmal dürfte es sich allerdings um ein vorrangig sportliches Anliegen gehandelt haben.

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Bei Hertha BSC herrscht Alarmstimmung: Ein Abstieg in die dritte Liga könnte einen Sturz ins Bodenlose bedeuten – die besten Spieler dürften den klammen Klub dann wohl zum Nulltarif verlassen. Eine Etage höher läuft die Saison für Union auch nicht viel besser.
St. Pauli gewann 1:0, es wurde ein Abend, der dem Ernst der Lage auf allen Ebenen angemessen war. Vor Anpfiff hatte es außerdem einen frenetischen Empfang des Mannschaftsbusses von der organisierten Fanszene gegeben, es war laut, Feuerwerk stieg auf, Pyrofackeln rauchten und glühten. Regelrecht „angezündet“ habe das sein Team, erzählte Trainer Alexander Blessin hinterher mit ehrfürchtigem Blick: „Ich habe so etwas noch nie erlebt, es hat unglaubliche Energie freigesetzt.“
Was in diesem Fall durchaus etwas heißen sollte. Blessin coachte einst den CFC Genua, in Italien zählt derlei zum üblichen Erscheinungsbild vor Fußballspielen. Auf dem Kiez hatte es eine vergleichbare Szenerie zuletzt wohl rund um den Aufstieg in der Vorsaison gegeben. Aus paulianischer Sicht wirkte die Fußballwelt damals geradezu paradiesisch. Und auch die Erstklassigkeit verbreitete zunächst weder Angst noch Schrecken.
Der Klub akklimatisierte sich rasch, plagte sich und seine Gegner und schien eine einigermaßen sorgenfreie Saison zu absolvieren. Noch im Januar hatte der Abstand auf den Abstiegsrelegationsplatz 16 beachtliche acht Zähler betragen. Sechs sieglose Partien in Serie sowie eine plötzlich punktende Konkurrenz trugen zuletzt jedoch dazu bei, dass St. Pauli in eine verschärfte Situation geriet, von der nur die wenigsten dachten, dass sie in dieser Spielzeit noch einmal eintreten würde. Echter Klassenkampf eben. Und durch die Niederlage stecken jetzt auch die Hoffenheimer wieder tief drin.
Die Kiezkicker spielen gegen Hoffenheim offensiver – ohne dabei ihre Balance zu verlieren
„Wir waren vorher auf alles optimal vorbereitet“, lobte St. Paulis Siegtorschütze Noah Weißhaupt und meinte damit: Der Matchplan sei vollumfänglich aufgegangen. Coach Blessin hat in liebevoller Detailarbeit eine Gruppe gebaut, die dem Sicherheitsbedürfnis eines Aufsteigers gerecht wird. Jeder Spieler weiß, wo die gemeinsame Priorität liegt: Die Kiezkicker haben eine defensive Identität und sind stolz darauf. Das Problem in den vergangenen Wochen war nur, dass jeweils zwei, drei defensive Nachlässigkeiten pro Spiel reichten, damit ausgeglichene Partien entscheidende Wendungen verpasst bekamen - und zwar zugunsten des jeweiligen Gegners, weil St. Pauli viel zu selten Torgefahr versprühte.
So lieferte der Auftritt gegen Hoffenheim zwei zentrale Erkenntnisse: Die Blessin-Elf kann, erstens, das Pendel auch ein wenig mehr nach vorn ausschlagen lassen, ohne dabei die Balance zu verlieren. Und im besten Fall schafft sie es, zweitens, vom Verteidigen derart fließend in Angriffe überzugehen, dass die Spielphasen kaum zu unterscheiden sind.
Die Szene vor dem entscheidenden Treffer war jedenfalls offensiver und defensiver Natur; sie war clever umgesetzt und noch dazu „komplett einstudiert“, wie Weißhaupt hinterher grinsend verriet. Vier Spieler postierten sich um den gegnerischen Strafraum, in sehnsüchtiger Erwartung, dass der Hoffenheimer Torwart Oliver Baumann das Spiel mit einem kurzen Pass auf Tom Bischof eröffnen würde. Im Deckungsschatten von Bischof lauerte Philipp Treu, der den Ball wegspitzelte, Baumann formvollendet überlupfte und auf Weißhaupt querlegte – der Angreifer musste seinen Schuss lediglich noch im leeren Tor unterbringen (51. Minute).
Insgesamt benötigt St. Pauli für einen Treffer mehr Chancen, als das für einen Aufsteiger gesund sein kann
Hoffenheims Trainer Christian Ilzer nannte einen „Wahrnehmungsfehler“ Baumanns als mögliche Ursache. Blessin wollte da nicht ganz mitgehen, er verwies darauf, dem Gegner eine Falle gestellt zu haben. Der Rest des Spiels schien seine Argumentation jedenfalls zu stützen: Die Paulianer pressten etwas intensiver als zuletzt, sie wollten lange Bälle erzwingen, welche die Hoffenheimer dann bevorzugt auf die Außenbahnen schlagen sollten.
Diese Kalkulation ging auf, genauso wie das geradlinige Umschaltspiel oder die eingeübten Standardvarianten. Nur: St. Pauli, auch das ist eine Geschichte der Saison, benötigt für einen Treffer mehr Chancen, als das für einen Aufsteiger gesund sein kann. Am Freitag wurden zwei Abschlüsse von der Linie geklärt; darunter ein Kopfball von Mittelfeldmann Jackson Irvine, dem Sorgenkind im Team. Nicht wegen seiner Leistungen, die sind stabil und zuverlässig. Der Australier ist aber so etwas wie eine personifizierte Chancenvernichtungsmaschine: Theoretisch könnte Irvine sechs, sieben Saisontreffer erzielt haben – in der Praxis sind es derer null. Nicht die besten Voraussetzungen für erfolgreichen Klassenkampf. Dem FC St. Pauli könnte es trotzdem gelingen.