Wer in Trondheim am Flughafen ankommt, der merkt schnell, dass er sich nun im Land der Langläuferinnen und Langläufer befindet. Zwei weiße, parallel verlaufende Linien weisen den Gästen auf dem Boden den Weg Richtung Ausgang, viele Meter lang ist die „Loipe“, links und rechts daneben haben „Skistöcke“ weiße Farbkleckse hingetupft. Die Loipe endet erst beim „Ankomstservice“ kurz vor dem Ausgang, an einer lilafarbenen Linie, auf der in Großbuchstaben MAL steht, Ziel.
Willkommen in der Heimat von Björn Dählie, Marit Björgen, von Petter Northug, Johannes Hösflot Kläbo und Therese Johaug. Und in einer Stadt, die seit diesem Donnerstag nicht nur Austragungsort der Nordischen Ski-Weltmeisterschaften ist, sondern auch einen sehr passabel singenden Bürgermeister hat. Jedenfalls gab Kent Ranum am Mittwochabend samt Hut und Amtskette bei der stimmungsvollen Eröffnungsfeier auf Trondheims zentralem Platz Torvet die „Mayors Anthem“ auf der Bühne zum Besten, die Hymne des Bürgermeisters. Und selbst Kronprinz Haakon und Kronprinzessin Mette-Marit klatschten ergriffen in der ersten Reihe: „Hurray hurray for the sportsmanship/hurray for the championship/in the middle of norway.“

Kombiniererin Nathalie Armbruster
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Schanze, Loipe, Schule
Die Nordische Kombiniererin Nathalie Armbruster meistert eine ungewöhnliche Dreifachbelastung. Die 19-Jährige geht als Weltcup-Führende in die WM in Trondheim. „Verrückt!“, findet sie selbst.
Der Sportsgeist wird also beschworen bei dieser WM mitten in Norwegen, was bei Ranum wesentlich authentischer klang als zuvor beim Ski-Weltverbandspräsidenten Johan Eliasch, der umständlich von DIN-A4-Blättern ablas, wie sehr die Athleten nun glänzen könnten. Aber in einem dürfte selbst der umstrittene Funktionär recht haben: „Es gibt keinen besseren Ort als Trondheim für diese WM.“
Beim Auftaktwettkampf bekam man am Donnerstag einen kleinen Vorgeschmack auf das, was da noch kommen wird in den nächsten eineinhalb Wochen. Dann, wenn die Langlaufstaffeln anstehen, mit dem ewigen, hitzigen Duell Norwegen gegen Schweden. Oder die 10, die 30 und vor allem die 50 Kilometer. Der Langlaufsprint bei Männern und Frauen stand nun erst einmal an, die Tribünen waren, natürlich: voll. Am Ende gewann die Schwedin Jonna Sundling vor den Augen von Schwedens Monarch Carl Gustaf Gold im Frauensprint. Bei den Männern trieben Kronprinz Haakon und die anderen 22 000 Zuschauer in der ausverkauften Arena den fünfmaligen Olympiasieger Kläbo zum zehnten WM-Sieg seiner Karriere.
Und die Deutschen? Sie schieden alle im Prolog, im Viertel- und Halbfinale aus. Coletta Rydzek lieferte als Achte noch den besten Wettkampf ab. Und auch sie stellte staunend fest: „Die Stimmung ist krass, das Stadion bebt. Man läuft hier gegen eine schreiende Wand.“ Andere, wie Victoria Carl, die auf Platz 15 landete, sagten, es sei, als laufe man in ein Fußballstadion hinein, in einen Hexenkessel.

Der Jubel kommt auch mit dem Erfolg: Im Gesamtweltcup der Männer liegt Kläbo auf Platz eins, sein Landsmann Erik Valnes auf Rang drei, fünf Norweger sind in den Top Ten. Den Nationencup dominieren sie nach Belieben. Bei den Frauen ist die Überlegenheit nicht ganz so gravierend, aber auch dort sind drei Norwegerinnen unter den besten Zehn. Und so erwarten die Menschen in ihrer Heimat nun nichts anderes als Platz eins für Norwegen im Medaillenspiegel. Aber nicht nur das.
„Das wird das größte Volksfest des Jahrzehnts in Norwegen. Darüber werden die Menschen noch 30 Jahre lang reden“, hatte Organisationskomitee-Chef Aage Skinstad vor dem Start der WM gesagt. Sie reden hier auch immer noch über 1997, als die Nordische Ski-WM zum ersten und bislang einzigen Mal in Trondheim ausgetragen wurde, vor bald 30 Jahren. 15 Wettbewerbe waren es statt heute 27 – und die Frauen starteten damals nur im Langlauf. Andere Zeiten: Für die Nordische Kombination oder gar Skispringen, die in Norwegen mindestens eine Stufe unter dem Langlauf angesiedelt sind, war noch kein Platz für sie. Was seinerzeit nicht weiter auffiel, allein Dählie holte im norwegischen Fahnenmeer dreimal Langlaufgold.

Nordische Ski-WM 2025
:Skispringen, Langlaufen und Kombination: Überblick über die Termine
Drei Disziplinen, elf Tage und 27 Wettbewerbe: Bei der Nordischen Ski-WM sind Langläufer, Skispringer und Kombinierer gefragt. Unser Zeitplan zeigt, wann welcher Wettbewerb stattfindet.
Wegen der WM werden sogar die Schulferien verschoben
Die Schulferien wurden in Trondheim und in der Provinz Tröndelag nun extra wegen der aktuellen WM um eine Woche nach hinten verlegt, um auch Kinder und Familien teilhaben zu lassen an den Wettkämpfen. Langlauf ist Nationalsport, in Norwegen sagen sie, die Babys werden auf Skiern geboren. Fast jedes Kind hat Skier, es gibt Skitage in der Schule, der Sport wird dort besonders gefördert. Im Alter von fünf oder sechs haben Kinder die ersten Wettkämpfe, an Ostern ist ganz Norwegen auf der Loipe. Und es gibt eine immense Zahl an Freiwilligen und Ehrenamtlichen, die in Vereinen organisiert sind und dabei helfen, Menschen aller Altersgruppen auf die Ski zu stellen. 2300 Volunteers halten gerade auch die WM am Laufen.
Anfang 2023 forderte DSV-Cheftrainer Peter Schlickenrieder, weil die Norweger mal wieder alles in Grund und Boden rannten und zwei Drittel der Preisgelder abgriffen, eine Startplatz-Begrenzung für sie im Weltcup – was im Land der Fjorde und Polarlichter einigermaßen entsetzt zurückgewiesen wurde. Schlickenrieder war 1997 selbst am Start, über die 30 Kilometer wurde der Mann vom Tegernsee 47. Dählie und Thomas Alsgaard gewannen in dem Rennen für Norwegen ausnahmsweise nur Silber und Bronze, weil ihnen der Russe Alexei Prokourorov Gold wegschnappte. Aber die Russen sind ja diesmal gesperrt.
Als der deutsche Langlauf-Teamchef Schlickenrieder kurz vor dieser WM über Trondheim sprach, da geriet er ins Schwärmen: „Für uns wird das ein Mini-Olympia. Wenn die Norweger im Wald campen, Lagerfeuer machen, die Kinder im Schnee spielen – dann ist das mit Winterspielen vergleichbar.“
In den Hügeln ums Skizentrum Granasen gibt es viel Wald, wo sich die norwegischen Fans dann einfach hineinschlagen, zum Campen, zum Grillen, zum Anfeuern. Auch wenn selbst hier der Winter sich zurückzieht – am Wochenende ist Regen und weiteres Tauwetter vorhergesagt: Ein Land, in dem im Flughafen die Loipe beginnt, hält auch das nicht davon ab, seiner Sehnsucht zu folgen.