Justus Hollatz kommt am Montag gut gelaunt in den VIP-Bereich im BMW Park, dort also, wo die Bayern-Basketballer üblicherweise ihre Bundesligaspiele austragen. Zwei kurze, blutige Striemen zieren seinen rechten Oberarm, die ersten Wochen seit seiner Rückkehr nach Deutschland haben also schon Spuren hinterlassen.
Hollatz, 23, ist vor einem Monat von Anadolu Efes Istanbul nach München gewechselt, auch, um unter Trainer Gordon Herbert eine größere Rolle bei seinem künftigen Klub zu übernehmen, das macht er schnell im Gespräch klar: „Ich glaube schon, dass Gordie mir mehr Verantwortung geben will, als ich jetzt in Istanbul hatte. Dort war ich eher dafür da, gut zu verteidigen, Druck zu machen, vorne Struktur reinzubringen“, sagt Hollatz. „Gordie will zusätzlich, dass ich Assists verteile, selbst zum Korb gehe. Es ist eine andere Rolle, mehr Freiheit in der Offensive, ich kann ein bisschen mehr ich selbst sein.“

Basketballer Justus Hollatz
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Der Dirigent der Zukunft hat Flair
Kein Dennis Schröder, kein Maodo Lo, dafür Justus Hollatz: Deutschlands kommender Stratege erinnert an einen seiner Vorgänger im DBB-Trikot - mit ihm am Steuer geht das Nationalteam hoffnungsvoll ins WM-Jahr.
Hollatz, 23, geboren in Hamburg, gilt auf der Guard-Position als eine der großen deutschen Nachwuchshoffnungen. Er spielte in den vergangenen Jahren allerdings eher abseits der deutschen Basketball-Öffentlichkeit, 2022 wechselte er von den Hamburg Towers zum spanischen Klub CB Breogán, von dort aus 2023 nach Istanbul. In München möchte Hollatz nun endlich ankommen, in einer neuen Führungsrolle. Dieses Unterfangen war zuletzt allerdings alles andere als einfach, denn trainieren konnte er mit der Mannschaft wegen des engen Terminkalenders kaum. Zugleich erlebte Hollatz in dieser kurzen Zeit schon einige Höhen und Tiefen.
Bei den Bayern darf er wegen seines Januar-Wechsels vom Euroleague-Klub Istanbul in dieser Saison nicht im höchsten europäischen Wettbewerb antreten, sondern nur in Liga und Pokal. In der Liga läuft es gerade sehr ordentlich, die Bayern sind Tabellenführer. Aber im Pokal-Halbfinale verloren sie kürzlich gegen den Mitteldeutschen BC völlig überraschend ihre erste Titelchance. Viel Zeit zum Nachdenken hatte Hollatz, der im Kader stand, nicht. Denn flugs ging es mit der deutschen Nationalmannschaft weiter zur EM-Qualifikation – diesmal mit besserem Ergebnis.
„Alles andere als die Goldmedaille wäre ein falsches Ziel“, sagt Hollatz im Hinblick auf die EM
Bei den Spielen am Donnerstag gegen Montenegro (95:76) und am Sonntag gegen Bulgarien (94:85) stand Hollatz jeweils in der Startformation, gegen Montenegro spielte er eher unauffällig, aber mannschaftsdienlich. Er steuerte neben vier Punkten auch sechs Assists bei, erfüllte also jenes Profil, das Herbert bei den Bayern von ihm verlangt. Gegen Bulgarien spielte er auffälliger, machte acht Punkte. Die DBB-Auswahl hat nun die EM-Qualifikation geschafft, Hollatz, Weltmeister von 2023, der kurz vor den Olympischen Spielen 2024 vom damaligen Nationaltrainer Herbert aus dem Kader gestrichen wurde, ist nun wieder dabei. Und er sagt mit Blick auf die EM: „Alles andere als die Goldmedaille wäre ein falsches Ziel.“
Dass sich Hollatz nun im Klub und in der Nationalmannschaft in völlig verschiedenen Systemen verirren könnte, ist nicht der Fall. Beide Spielanlagen – unter dem neuen Nationaltrainer Alex Mumbru wie unter Bayern-Coach Herbert – seien „relativ identisch, ich fühle mich in beiden wohl. Es wird sehr schnell gespielt, ich mag das, Mumbru legt darauf vielleicht noch ein bisschen mehr Wert“. Aber auch Herberts System bei den Bayern kenne er, Herbert habe es ja auch bei der Nationalmannschaft praktiziert. „Ich habe mit ihm häufig telefoniert. Und ich bin ein relativ schlauer Spieler, die Sets waren also noch irgendwo hinten in meinem Kopf drin“, sagt Hollatz.
Bei den Bayern sieht er sich nun in der Rolle, seine Kollegen, die viel Spielzeit in der Euroleague haben, in der Bundesliga zu entlasten. „Ich bin da mitverantwortlich, dass wir die Spiele gewinnen. Damit sich die anderen auch für die Euroleague schonen können“.
Apropos schonen: Hollatz hat erst eine Nacht in seiner neuen Wohnung geschlafen, es ging ja gleich wieder auf Reisen mit der DBB-Auswahl. Er freut sich nun darauf, seine Sachen einräumen zu können, auch mal München zu erkunden, in ein paar Cafés zu gehen. Geregelten Verkehr, geordnete Supermarktregale, er habe solche Dinge schon vermisst in Istanbul, auch wenn dort die Sonne öfter schien. „Und ich habe jetzt wieder deutsche Jungs um mich herum, kann deutsche Witze machen“, sagt Hollatz. Dazu passt, dass sein Lieblings-Fußballverein St. Pauli eine Fanfreundschaft mit dem FC Bayern pflegt. Auch das erleichtert es Hollatz, endlich anzukommen.