Fußball ist eine fortwährende Geschichte vom Treffen und Kassieren. So trug es sich vor 47 Jahren zu, wenn auch in ungeahnter Ausprägung. In den Hauptrollen standen sich zwei Münchner gegenüber: Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern und Erhard Hofeditz vom TSV 1860. Mit dem Ergebnis, dass dem einen ein Treffer gelang. Und der, der ihn kassierte, gewann.
Erhard Hofeditz, den sie seit Kindheitstagen Beppo riefen, wird als Fußballer nicht nur dank seiner Tore in Erinnerung bleiben, die er im Trikot der Löwen erzielte, und später für den 1. FC Kaiserslautern, den Karlsruher SC oder die Kickers Offenbach. Berühmt machte den Stürmer aus Hessen jene Szene, die sich am 12. November 1977 im Münchner Olympiastadion ereignete.

Nachruf auf Sven-Göran Eriksson
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Der Lebemann
Er war der erste ausländische Nationaltrainer Englands und wäre fast bei 1860 München gelandet: Über einen Coach, der sein Leben genoss – und dem der FC Liverpool vor seinem Tod einen besonderen Wunsch erfüllte.
Im Stadtderby zwischen Favorit Bayern und dem Tabellenletzten 1860 lief die 90. Minute. Bayern war durch ein Tor von Karl-Heinz Rummenigge in der 33. Minute in Führung gegangen. Nach einer Kabinenpredigt von Löwen-Coach Heinz Lucas hatte Sechzig das Spiel durch Tore von Herbert Scheller (46. Minute) und Alfred Kohlhäufl per 35-Meter-Schuss (85.) überraschend gedreht. Der erste Saisonsieg war nahe, ehe der Tumult im Strafraum der Löwen eskalierte.
„Er hat meinen Mann ein rotes Schwein genannt“, sagt Rummenigges Frau über die Szene mit Hofeditz
Zunächst rempelte der eine Stürmer den anderen um, also Rummenigge Hofeditz, Schiedsrichter Ferdinand Biwersi entschied auf Elfmeter für 1860. Als Hofeditz aufstand, verpasste ihm Rummenigge eine Ohrfeige, ach was, eine Watschn, wie das in München korrekterweise heißt. Ein allerdings unzulässiger Treffer, für den der Bayern-Spieler vom Platz flog. Warum brannten dem sonst so abgeklärten Rummenigge derart die Sicherungen durch?
Von Reportern auf die Szene angesprochen, lächelte Hofeditz seinerzeit nur. Dem damals 24-Jährigen wurde eine gewisse Schlitzohrigkeit nachgesagt, auch wenn das im damaligen Fernsehbild weder zu sehen noch zu hören war. Und auch der Schiri hatte da offenbar etwas überhört. Zur Aufklärung trug später Rummenigges Frau Martina bei: „Er hat meinen Mann ein rotes Schwein genannt.“ Den Elfmeter verwandelte Scheller mit seinem zweiten Treffer des Tages zum 3:1-Endstand.
Seine Spielerkarriere ließ Hofeditz bei seinem Heimatverein Baunatal in Hessen ausklingen, wo er später auch als Trainer einsprang und seinen Lebensunterhalt zuletzt als Landwirt verdiente, ehe er schwer erkrankte. Wie der TSV 1860 München auf seiner Vereinswebseite mitteilt, ist Hofeditz am vergangenen Donnerstag im Alter von 71 Jahren „an einem Krebsleiden verstorben“.
Drei Jahre, von 1977 bis 1980, trug der am 7. Dezember 1953 im hessischen Wolfhagen geborene Hofeditz das Trikot des TSV 1860 München. Als sportlicher Höhepunkt wird den älteren Löwenfans auch der 7. Januar 1978 im Gedächtnis bleiben, als die Sechziger im Dortmunder Westfalenstadion 3:1 gegen den BVB gewannen – und Hofeditz vor der Pause alle drei Tore schoss. Er war ja schließlich weniger Experte fürs Kassieren, mehr fürs Treffen.