Die Stadt, die als „Motor City“ berühmt wurde, hat jetzt einen neuen Antrieb. Man könnte sagen: endlich. Denn so, wie die Jahrzehnte des wirtschaftlichen Niedergangs Detroit geprägt haben, die Krisen all der Firmen wie General Motors, Chrysler oder Ford, so schiebt nun das Basketballteam der Detroit Pistons seinen eigenen Aufschwung an. Eine ehemalige Loser-Gruppe mutiert zum aktuell heißesten Team des Winters, diese Geschichte koinzidiert ausgerechnet mit der Ankunft von Dennis Schröder in Michigan.
Die Zahlen zeigen beim Meister der Jahre 1989, 1990 und 2004 eine Serie wie zuletzt vor zehn Jahren: sieben Siege hintereinander, sechs davon seit dem Trade, der den deutschen Weltmeister in die Stadt wehte; macht Platz sechs in der Ost-Tabelle der US-Profiliga NBA. Dabei galten die Pistons noch vergangene Saison als Trümmertruppe, die sich mit einem Rekord von 28 Pleiten hintereinander hervortat. „Knapp ein Jahr nach dem Desaster pflügt Detroit plötzlich durch die Liga“, wundert sich deshalb das Magazin Sports Illustrated.

Meinung
Basketball in der NBA
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Dennis Schröder spielt nur dann in Bestform, wenn er tun kann, was er will
Wundern dürfte sich auch Schröder, 31, der nach einer Odyssee über viele Stationen in seinem zwölften NBA-Jahr mittlerweile bei seinem neunten Klub angeheuert hat. Er ist mitsamt seiner Familie ein Reisender des Basketballs geworden – einer, der im mitunter fragwürdigen Wechselgeschacher des Betriebs herumgereicht wird. „Am Ende des Tages ist es moderne Sklaverei“, sagte Schröder selbst vor wenigen Wochen, wobei anzumerken wäre: immerhin gut bezahlte Sklaverei (sein derzeitiges Jahresgehalt beträgt 13 Millionen Dollar). Dieses System bescherte ihm allein in der laufenden Spielzeit die Wegmarken Brooklyn, Golden State und nun Detroit.
An diesem Standort ist aber etwas anders, denn was zunächst nach einem weiteren aus der Not geborenen Neustart aussah, erweist sich für Schröder als Glücksfall. Er ist nach langer Zeit in den Liga-Niederungen mal wieder bei einer Franchise mit Gewinnerkultur gelandet. In einer funktionierenden Mannschaft mit klarer Rollenverteilung, in einem aufstrebenden Basketballteam, das auf seine Fähigkeiten baut. „Er brauchte keine lange Eingewöhnungszeit und ist ein echter Gewinn für uns“, findet zum Beispiel Detroits junger Anführer Cade Cunningham, der aktuell fast in jedem Spiel herausragt. „Mit ihm haben wir mehr Möglichkeiten. Dennis ist in der Offensive gefährlich und verteidigt klug übers ganze Feld. Damit passt er perfekt zu unserer Identität.“
Ist Detroit am Ende ein Glücksfall für Schröder, auch wenn er dort Bankspieler ist?
Die besteht, wenn man so will, aus den spezifischen Charakteristiken der Arbeiterstadt Detroit: Opferbereitschaft, Solidarität, Ärmelhochkrempeln. Dabei reichen Schröders Zahlen gar nicht mal an jene seines individuell starken Saisonstarts bei den Brooklyn Nets heran. Er kommt mit weniger Spielzeit von der Bank, nimmt meist nur ein paar Würfe, organisiert die Angriffe und wirft sich mit Wonne in große Momente, wie jene Schlussminuten beim 148:143 gegen Atlanta in dieser Woche. Da trat plötzlich mit entscheidenden Punkten der Weltmeister-Schröder (insgesamt 16 Zähler) in Erscheinung. „Dennis hat uns heute das Spiel gewonnen, er war einfach riesig für uns“, lobte Cunningham.
Ähnlich formulierte es Detroits Coach J. B. Bickerstaff, der seinen Haufen voller Talente nun um einen Veteranen verstärkt sieht. Schröders Entfaltung als Basketballer basiert bekanntlich auf einem Umfeld, das seine Stärken betont, das ihm Chefverantwortung gewährt – und das hat er zurzeit: Er ist mit seiner Erfahrung als Einsatzleiter aus der zweiten Reihe gefragt. „Es ist toll, einen weiteren Spieler zu haben, der mit dem Ball umgehen kann, der mutig vorangeht“, fand Trainer Bickerstaff nach dem Atlanta-Spiel. Schröder selbst hat sich mit seinem Schicksal als Wandersmann trotz aller Unwägbarkeiten, die die ständige Veränderung mit sich bringt, offenbar abgefunden. Er hat sich beim Thema Neuanfänge eine gewisse Pragmatik angeeignet. Na gut, dann eben Detroit, so wirkte seine Herangehensweise an die neue Aufgabe zunächst – ehe er jetzt richtig zufrieden wirkt.
„Als ich hier ankam, fühlte es sich an, als sei ich schon seit Wochen da“, erklärte er diese Woche im Pressegespräch. „Das liegt an den Teamkollegen und den Coaches, die es mir leicht gemacht haben.“ Und er hat eine sportlich nachvollziehbare Erklärung für den Teamerfolg. „Es macht Spaß, weil wir gut zusammenspielen, wir haben ein sehr selbstloses Team, deshalb lief es hier auch schon so gut, bevor ich kam.“ Es mag auch dem Zufall geschuldet sein, aber vielleicht ist das der wichtigste Punkt: Dennis Schröder hat mit seinem Wechsel nach Detroit einen Ort gefunden, der ihm und seinem Arbeitgeber eine Symbiose ermöglicht. Und jetzt rattern in „Motor City“ wenige Wochen vor den Playoffs die Kolben.