Es war nicht das hitzigste aller Derbys zwischen Real Madrid und dem Ortsnachbarn Atlético. Aber ein paar Scharmützel gab es beim Achtelfinal-Hinspiel der Champions League am Dienstagabend doch, darunter eines von ausgesuchter Geschmacklosigkeit. Vor wenigen Tagen war Javier Dorado, der im Jahr 2000 mit Real Champions-League-Sieger geworden war, im Alter von 48 Jahren an den Folgen einer Leukämie-Erkrankung verstorben, beide Teams trugen einen Trauerflor am Ärmel und verharrten vor der Partie am Anstoßkreis. Doch die 4000 Anhänger Atléticos hielten es für angebracht, die Schweigeminute im Bernabéu mit Schmähungen zu stören.
Verglichen mit den Grüßen, die Donald Trumps Freunde gerade wieder salonfähig machen und die bislang wegen ihres faschistischen Charakters abgelehnt wurden, hielt sich die Schwere der weiteren Vorkommnisse bei diesem Fußballspiel in Madrid jedoch in Grenzen. Abgesehen von einem kleinen Disput zwischen Real-Angreifer Brahim Díaz und Atlético-Trainer Diego Simeone.
„Red’ doch jetzt! Red’ doch jetzt!“, rief Brahim, als er sich am Spielfeldrand vor Simeone aufbaute. Es war offenbar eine Antwort darauf, dass der Atlético-Coach am Vorabend der Partie im TV-Interview gesagt hatte, er erwarte den marokkanischen Nationalspieler nicht in Reals Startelf. Vor allem aber war die Szene ein Indiz dafür, dass Brahim zu diesem Zeitpunkt gut reden hatte. Denn er hatte zuvor das Tor erzielt, das Real eine mehr als nur passable Ausgangsposition für das Rückspiel am kommenden Mittwoch bescherte: das Tor zum 2:1 (1:1)-Endstand.
Brahims Treffer war wie die anderen beiden Tore des Abends sehr hübsch anzusehen. Er betrat in der 55. Minute den Strafraum Atléticos auf der linken Seite, drehte nach innen und hatte dann dreimal hintereinander Glück. Weil erst Verteidiger José María Giménez ausrutschte. Weil Brahim daraufhin zwar selbst mit dem Sprunggelenk umknickte, was aber keine Folgen für die Stabilität des Stürmers hatte. Und weil schließlich Schiedsrichter Clément Turpin aus Frankreich eine passive Abseitsstellung von Vinícius Júnior nicht wahrnahm und auch der Videoschiedsrichter dies im Hinblick auf die Gültigkeit des Tores für irrelevant hielt.
Atlético hätte Real an diesem Abend nachhaltiger wehtun können – die famose Offensive der Gastgeber war geschwächt
In der Summe führte das dazu, dass Brahims Schuss an den rechten Pfosten für Atlético-Torwart Jan Oblak unerreichbar wurde – und en passant auch zu einem Remake der beiden vorangegangenen Treffer dieses Derbys geriet. Auch sie waren sehenswerte Schüsse an den sogenannten zweiten Pfosten gewesen: Erst von Reals brasilianischem Nationalspieler Rodrygo, der über rechts kommend nach innen kurvte und mit links die Führung erzielte, als noch keine vier Minuten gespielt waren. Und dann beim 1:1 (32. Minute) von Atléticos argentinischem Weltmeister Julián Álvarez, der über links kam und mit rechts den Ausgleich fabrizierte. „Das Resultat hätte besser sein können“, resümierte Atlético-Trainer Simeone, doch da waren allenfalls Restspuren von Verbitterung herauszuhören. Bei Simeone überwog nach der knappen Niederlage der Stolz: „Wir sind heute nicht der szenischen Angst verfallen, die dieses Stadion hervorruft – vor allem dann, wenn Real früh trifft.“
Die Ausbeute war aus Sicht Atléticos insofern nicht zufriedenstellend, als die Gelegenheit günstig gewesen war, Real sogar nachhaltig wehzutun. In der famosen Offensive der Gastgeber fehlte Jude Bellingham, der Engländer saß gesperrt auf der Tribüne. Vinícius stand zwar auf dem Platz, wirkte aber abwesend. Und auch die seit Tagen währenden Debatten über die Frage, ob der französische Topstürmer Kylian Mbappé wirklich „nur“ eine Zahnextraktion hinter sich hat oder doch etwas Schwerwiegenderes, erhielten an diesem Abend neue Nahrung.
Dass stattdessen Reals Rechtsverteidiger Federico Valverde zum Heroen der Partie wurde, hatte damit zu tun, dass jener angeschlagen ins Spiel gegangen war und sich – ganz Uruguayer – dennoch aufrieb, bis es wirklich nicht mehr ging. Dass Valverde diesmal herausragte und keiner der Angriffskünstler, erklärte aber auch, dass es wirklich ein „industrielles Spiel“ wurde, wie die Zeitung As mäkelte.
Real-Trainer Carlo Ancelotti war nach seinem zehnten Sieg im 27. Duell mit Simeone dennoch zufrieden. Sie hatten sich für das Rückspiel „einen kleinen Vorteil“ erhofft, sagte der Italiener, und genau den wird seine Mannschaft nun im Gepäck haben, wenn sie nächste Woche ins 14 Kilometer entfernte Estadio Metropolitano aufbricht. Dann dürfte eine Partie bevorstehen, die anders als das Hinspiel aus der Geiselhaft der Taktik entlassen wird. „Unsere Leute werden uns antreiben und uns Energie geben. Das wird dazu führen, dass in der Anstrengung kein Leid liegt“, erklärte Diego Simeone. Er klang dabei so, als verspüre er Vorfreude.