Diese Frau ist eine Herausforderung, nicht nur für Modedesigner. Das Sportlabel „Johaug“, dessen Gründerin sie ist, hat „pure Willenskraft und Weiblichkeit“ zum Stilkonzept erklärt. Inspiriert von diesen Eigenschaften, werden wattierte Leggins und bonbonfarbene Daunenmäntel geschneidert. Man kann die beiden Charakteristika, „pure Willenskraft und Weiblichkeit“, aber auch in ihrer Reinform betrachten: immer dann, wenn Therese Johaug, Athletin und Unternehmerin, sich beim Endspurt auf Langlaufski über die Ziellinie wirft – notfalls in den Schnee, Nase voraus.
Für ihre Gegnerinnen hat Johaugs wilde Entschlossenheit in der Loipe stets bedeutet, dass sie sich dem Unvermeidlichen beugen mussten. Die Taktik der norwegischen Langstreckenspezialistin ist immer dieselbe geblieben, seit sie 2007 in Sapporo, damals 18-jährig, ihre erste WM-Medaille gewann. Mit hoher Frequenz, im Takt eines Metronoms für ein Finale furioso, wetzt sie in jedem Wettkampfformat durch den Schnee: 1,62 Meter groß, 46 Kilo leicht, zierlich, zäh. Wie jemand, „der eine riesige Maschine“ hat, so hat es kurz vor der WM der deutsche Teamchef, Peter Schlickenrieder, durchaus beeindruckt formuliert.

Nordische Ski-WM
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„Hören Sie mal, wir sind Norweger!“
Es regnet und taut bei der Nordischen Ski-WM in Trondheim. Für die Veranstalter ist es eine Herausforderung. Ein Gespräch mit Sportchefin Kristin Mürer Stemland über Schneedepots, ein Schneelabor und die Nachhaltigkeit.
Für diese Wettkämpfe in Granesen bei Trondheim, nicht weit entfernt von dem Bauernhof, auf dem sie aufwuchs, hat Norwegens Ausnahmeskiläuferin ihren Ruhestand aufgehoben. Die Unternehmerin – inzwischen mit ihrem Mann, dem ehemaligen Ruderweltmeister Nils Jakob Hoff, in Oslo zu Hause – ist zurück im Wettkampfsport. Dabei hatte sie die Sportkarriere im März 2022 nach ihrem einhundertsten Weltcupsieg in Falun für abgeschlossen erklärt. Im Mai 2023 kam ihre Tochter zur Welt.
Elf Monate später gewann Johaug dann die nationale Meisterschaft über die 30-Kilometer-Distanz – mit fast drei Minuten Vorsprung. Im Weltcup ging es diesen Winter weiter im gnadenlosen Takt des Metronoms: Die 36-Jährige siegte zweimal in Lillehammer und vollendete die Tour de Ski im Triumph. Johaug hatte, wie Schlickenrieder zu berichten wusste, ihre Trainingsumfänge auch während der Schwangerschaft nicht allzu sehr reduziert: Die „Doppel- und Dreifachbelastung“, urteilte er, habe sie noch stärker gemacht.
Johaug hat, trotz der ellenlangen Erfolge, außerdem noch immer etwas zu beweisen seit einem Dopingfall
So begann die WM. Im ersten Rennen, dem Skiathlon mit Skiwechsel, rannte sie los, gewohnt furios, unterstützt von König Harald, Königin Sonja und Tausenden weiteren Zuschauern auf der Tribüne. Doch die schwedische Titelverteidigerin Ebba Andersson hielt mit. Im Zielsprint nach je zehn Kilometern im klassischen und freien Stil schob Andersson ihre Skispitze ein paar Fingerbreit als Erste über die Linie.
Dann das zweite Rennen am Dienstag, zehn Kilometer klassisch, dasselbe Muster: Wieder lief Johaug im Takt ihres Metronoms und ließ, nach der Uhr, alle hinter sich – bis auf Ebba Andersson. Diesmal betrug der Rückstand, trotz zwischenzeitlicher Führung, 1,3 Sekunden. Bei der Zeremonie im Stadion knipste Johaug kurz für die Fotografen ihr strahlendes Lächeln an. Dann knipste sie es wieder aus. „Das ist verrückt“, sagte sie und rechnete die minimalen Rückstände zusammen: „Ich bin jetzt weniger als 1,4 Sekunden von zwei Goldmedaillen weg. Das nervt.“

Nur wer 14 WM-Titel gesammelt hat, wer neben Skiwettkämpfen noch Distanzrennen in der Leichtathletik gemeistert hat, wird zweimal Silber vermutlich als schwere Niederlage empfinden. Johaug, die dreimalige Langlauf-Olympiasiegerin von Peking, hätte in Trondheim weiter zu ihrer früheren Rivalin und heutigen Teamtrainerin Marit Bjoergen aufschließen können, deren noch größere Sammlung von 18 WM-Goldmedaillen gerade im temporären Skimuseum in Trondheim in einer Vitrine ausgestellt wird, mit Bjoergens roten Kinderski. Bei den Themen Norwegen, Ski und Leidenschaft führt eine Loipenspur immer auch schnurstracks in die Landesgeschichte.
Der Marathon der Loipe ist bislang bei Nordischen Skiweltmeisterschaften ein Männerprivileg gewesen
Johaug hat, trotz der ellenlangen Erfolge, außerdem noch immer etwas zu beweisen seit dem Dopingfall, der sie die WM 2017 und die Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang verpassen ließ. Im Oktober 2016 war in ihrer Probe der anabole Wirkstoff Clostebol nachgewiesen worden – dasselbe Mittel, mit dem 2024 der Tennisspieler Jannik Sinner auffiel. Johaug führte den Befund auf die Behandlung eines Sonnenbrandes auf der Lippe im Höhentrainingslager zurück; der Teamarzt übernahm die Verantwortung, Johaug wurde trotzdem 18 Monate gesperrt. Eine interessante Parallele: Sinner, dessen Masseur angeblich ebenfalls die Salbe Trofodermin versehentlich verrieb, ist von der Wada für drei Monate aus dem Verkehr gezogen worden.
Johaug arbeitete für ihr Comeback damals so akribisch, wie sie sich jetzt auf ihr letztes Hurra in der Loipe vorbereitet hat. Denn am Sonntag, am Schlusstag der WM in Trondheim, ist ein Novum angesetzt: der 50-Kilometer-Lauf für die Frauen. Dieser Marathon der Loipe ist bislang bei Nordischen Skiweltmeisterschaften ein Männerprivileg gewesen. Und wer anderes als Therese Johaug, die Frau, die sich schon in der Jugend wegen ihrer Ausdauerfähigkeit den Batteriebeinamen „Duracell“ verdiente, wäre in Norwegen für diese Premiere prädestinierter gewesen?
Sie hat die bisherige Ultrastrecke der Frauen, die 30 Kilometer, vier Mal seit 2011 bei Weltmeisterschaften gewonnen. Während ihrer Schwangerschaft entriss ihr Ebba Andersson den Titel. Ausgerechnet Andersson, der sie jetzt zweimal knapp unterlag. „Ich werte diese beiden Rennen als zusätzliche Motivation, um über 50 Kilometer Revanche zu nehmen“, hat Johaug angekündigt. Man wird sie beim Wort nehmen können, gemäß dem Motto „pure Willenskraft und Weiblichkeit“. Danach soll wirklich Schluss sein mit dem Wettkampfsport. So ein Motto lässt sich schließlich auch sonst im Leben gut anbringen.