Im gar nicht mal so fußballbegeisterten Frankreich geht es gerade grundsätzlich um die Zukunft des Vereinsfußballs. Bei einem Krisengipfel, den Philippe Diallo, 61, Präsident des Französischen Fußballverbands (FFF), am vergangenen Montagabend einberufen hatte, fasste er nochmal zusammen, was alle Anwesenden eh schon wussten – weil sie mit schuld sind an der teils existenzbedrohenden Krise, in die sich der französische Profifußball über die vergangenen Jahre manövriert hat: Wenn wir uns jetzt nicht zusammenraufen, so Diallo sinngemäß, und „tiefgreifende Reformen“ einleiten, dann war’s das bald mit Profifußball in Frankreich.
Zusammenraufen, oder besser: einigen, müssen sich vor allem die französische Fußballiga (LFP) und der Streaming-Dienstleister Dazn, der seit dieser Saison die Ligue 1 McDonald’s überträgt (acht von neun Spielen pro Spieltag für 400 Millionen Euro jährlich). Vor drei Wochen entschied Dazn dann plötzlich, die Hälfte der für Februar fälligen Zahlung einzubehalten, woraufhin die LFP ein Eilverfahren vor dem Pariser Handelsgericht beantragte. Mittlerweile hat Dazn die 35 Millionen Euro zwar überwiesen. Damit sind aber nicht die Vorwürfe aus der Welt, nach denen sich die LFP nicht an ihre Vertragsverpflichtungen gehalten habe, beziehungsweise nicht halte.

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Dazn wirft der LFP – und indirekt dem französischen Staat – hauptsächlich vor, nichts dagegen zu unternehmen, dass angeblich bis zu 37 Prozent aller Ligue-1-Fans kein Dazn-Abo besitzen. Dank der im europäischen Vergleich ziemlich laxen Gesetzeslage können sie die Spiele auf illegalen Streaming-Webseiten kostenlos verfolgen. Brice Daumin, Dazn-Geschäftsführer für Frankreich und die Schweiz, kommentierte das wie folgt: „Wenn man einen Topf kauft, erwartet man kein Sieb.“
Bei der Suche nach einer Lösung gibt es Streit – vor allem mit dem mächtigen PSG-Präsidenten Nasser Al-Khelaifi
Momentan steht Dazn in Frankreich nur bei 500 000 verkauften Abonnements, bei einem Drittel der anvisierten 1,5 Millionen also. Sollte der Streaming-Dienst diese Zahl nicht bis Dezember 2025 erreichen, so könnte er den bis zum Ende der Saison 2028/29 gültigen Vertrag auflösen. Das wiederum würde vermutlich das sichere Ende des französischen Vereinsfußballs bedeuten, sind doch im Grunde alle Klubs, bis auf Serienmeister Paris Saint-Germain, abhängig von den eh schon zurückgehenden TV-Einnahmen. Dass der aus Katar mit Millionen, ach, Milliarden Euro subventionierte Branchenprimus andauernd die Meisterschaft gewinnt, schadet indes der Attraktivität der Liga – und drückt so den Preis in Verhandlungen mit potenziellen Medienpartnern.
Um die angespannte Beziehung zwischen Dazn und der LFP, wie auch zwischen PSG und den restlichen französischen Klubs besser zu verstehen, lohnt ein Blick in den Juli 2024. Vier Wochen vor Saisonbeginn schalten sich die 36 Klubpräsidenten der Ligue 1 und Ligue 2 gemeinsam mit LFP-Präsident Vincent Labrune, 53, in einer Videokonferenz zusammen - immer noch auf der Suche nach einem Medienpartner für die kommende Saison. Die französische Investigativsendung „Complément d’enquête“ hatte wenige Tage nach dem Einbehalten der 35 Millionen Euro von Dazn einige Ausschnitte aus diesem Treffen veröffentlicht.
Labrune, der damals noch öffentlich davon sprach, bis zu einer Milliarde Euro pro Saison mit TV-Rechten einnehmen zu wollen – seit 2021 sind es in Deutschland 1,1 Milliarden Euro pro Saison –, eröffnet das Treffen in demütiger Dankbarkeit gegenüber Nasser Al-Khelaifi, Präsident von Paris Saint-Germain und Geschäftsführer der katarischen beIN Media Group: „Er war zu nichts verpflichtet. Und trotzdem macht er das, was er seit seiner Ankunft in Frankreich macht: den französischen Fußball unterstützen“. Was war passiert? beIN Sports hatte angeboten, ein Ligue-1-Spiel pro Spieltag für 100 Millionen Euro im Jahr zu übernehmen, zusätzlich alle Spiele der Ligue 2.
Daraufhin fragt Joseph Oughourlian, 53, Präsident von RC Lens und zusammen mit Olympique Lyons Hauptanteilseigner John Textor der größte Widersacher des PSG-Präsidenten: Warum geben wir das letzte Spiel nicht auch noch Dazn? Wir bekämen zwar ein bisschen weniger als die 100 Millionen, dafür hätten wir die komplette Ligue 1 bei einem Anbieter. Oughourlian sieht im anhaltenden Anbieterwechsel die Hauptursache für das nachlassende Interesse des französischen Konsumenten am Produkt Ligue 1. Seitdem Labrune im Jahr 2020 die LFP als Präsident übernahm, gab es vier verschiedene Ausstrahler: Mediapro, Amazon Prime Video, Canal+ und beIN Sports.
In dem Video verfestigt sich der Eindruck, dass sich die katarischen Interessen nicht unbedingt mit dem Wunsch der restlichen 35 Klubs vereinbaren lassen
Nasser Al-Khelaifi reagiert, indem er seinen Präsidentenkollegen aus Lens fragt, ob er ein Problem mit beIN Sports habe, woraufhin Oughourlian den Katarer auf den offensichtlich vorliegenden Interessenkonflikt hinweist, als PSG-Präsident und Geschäftsführer des TV-Ausstrahlers. Danach empfiehlt Al-Khelaifi Oughourlian, besser bei seinem Business zu bleiben, weil er augenscheinlich nichts von Medien kapiere. Oughourlian bittet Al-Khelaifi um den nötigen Respekt, auch den anderen Präsidenten gegenüber, und sagt dann den entscheidenden Satz: „Nasser, you are bullying everyone.“
Insgesamt verfestigt sich in diesem kurzen Video der Eindruck, dass sich die katarischen Interessen nicht unbedingt mit dem Wunsch der restlichen 35 Klubs nach einer stabilen Ligue 1 sowie einem fairen und betriebssicheren TV-Vertrag vereinbaren lassen. Und dass sich am Ende Al-Khelaifi meist doch durchsetzt, der nicht zufällig vielen in der Branche als eigentlicher Boss des französischen Fußballs gilt. So musste sich LFP-Präsident Labrune erst vor ein paar Tagen in einem großen Interview in L’Équipe gegen den Vorwurf verteidigen, nur der „Wauwau“ von Al-Khelaifi zu sein.
Und damit zurück zum Krisengipfel. Philippe Diallo, Präsident des Französischen Fußballverbands, hat kürzlich drei Arbeitsgruppen gegründet zu den Themen: „Führung“, „Wirtschaftsstrategie“ und „Finanzkontrolle“, geleitet von den Präsidenten von RC Strasbourg, AJ Auxerre, AS Saint-Etienne und Toulouse FC. Handfeste Lösungsvorschläge erwarte er in einem Monat. So lange geben sie sich, den französischen Vereinsfußball zu retten.