Am Ende des Gesprächs dreht sich Joti Chatzialexiou um und deutet auf das Geländer des Schwimmbeckens, in dem er gerade sitzt. Da oben stehe es doch, sagt der Sportvorstand des 1. FC Nürnberg. Chatzialexiou lächelt und zeigt auf den Schriftzug: „THINK BIG“ ist da zu lesen, dahinter ein Stern, auch der symbolisch. Der Stern der Nürnberger Frauenmannschaft ist noch nicht aufgegangen, sonst würde Chatzialexiou jetzt wohl kaum auf einem grünen Sessel in einem Schwimmbecken sitzen. Aber er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Sache jetzt anzugehen. Deshalb der Schriftzug, deshalb der Sessel – und deshalb das Schwimmbecken.
Es ist Montagabend und ein ziemlich ungewöhnlicher Rahmen, in dem Chatzialexiou das tut, was er auch sonst tagein, tagaus macht: Er spricht über Fußball. Aber dieses Mal geht es nicht um Miroslav Klose und seine Mannschaft. Chatzialexiou sitzt auch nicht in seinem Büro in der Geschäftsstelle oder auf dem Podium im Medienraum, der nur einen Einwurf von den Trainingsplätzen entfernt ist. Dieses Mal spricht Chatzialexiou über das Frauenteam des FCN – und das Schwimmbecken, in dem er jetzt sitzt, dient dem Hotel auf dem Nürnberger Trainingsgelände als Tagungsraum. „Wir wollen aufsteigen. Wir wollen in die erste Liga – und wir wollen uns dort auch halten“, sagt Chatzialexiou.

Deutsches Nationalteam in der Nations League
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Die Suche nach der neuen Nummer 1
Eine Kapitänin hat Christian Wück benannt, nun muss der Bundestrainer sich noch auf eine Stammtorhüterin festlegen. Vier Monate vor der EM hat er die Wahl zwischen Erfahrung und einem Generationenwechsel – und muss mit kurzfristigen Ausfällen umgehen.
Derzeit führen die Club-Frauen die Tabelle der 2. Bundesliga an. Mit Union Berlin, einem Aufsteiger, liefern sie sich ein Rennen um die Meisterschaft. Weil die Bundesliga zur neuen Saison um zwei Mannschaften aufgestockt wird, steigen aber ohnehin die ersten Drei auf – und dazu dürften die Nürnbergerinnen auch dann zählen, wenn sie den Zweikampf mit Union am Ende verlieren sollten. In den knapp vierzig Jahren ihrer Geschichte haben die Club-Frauen zweimal in der Bundesliga gespielt, doch beide Male, 1999/2000 und 2023/24, waren sie nach nur einem Jahr wieder zweitklassig. Nun will der FCN kommen, um zu bleiben. Aber dafür braucht es wirtschaftliche Unterstützung.
Der Club hat an diesem Abend potenzielle Sponsoren in das Hotel auf seinem Trainingsgelände eingeladen und das entsprechende Flugblatt mit „Zukunft Frauenfußball“ überschrieben. Um nichts weniger als das geht es jetzt ja. Der 1. FC Nürnberg hat zwar eine Strahlkraft, die über Franken hinausreicht – doch den Frauenfußball hat er bisher nicht so recht zum Leuchten gebracht. Zu Hause spielen die Nürnbergerinnen selten vor mehr als 500 Fans. Dabei, findet Chatzialexiou, hätten sie deutlich mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient.
Wie macht man einen Zweitligisten im Frauenfußball attraktiv, wenn man nicht mit dem Namen Klose punkten kann?
Deshalb will der Sportvorstand dem Frauenfußball nun eine Bühne bieten. Und diese Bühne ist das Schwimmbecken, in dem er an der Seite von Nia Künzer und Florian Wittmann sitzt. Künzer lenkt die Nationalelf als Sportdirektorin, Wittmann ist beim Verband mit der strategischen Ausrichtung betraut. Auch sie betonen, welch große Fortschritte der Frauenfußball in den vergangenen Jahren gemacht hat. In der Professionalisierung sei „nur noch wenig Luft nach oben“, findet Künzer, während Wittmann voraussagt: „Mit dem Spirit wird man sich in der ersten Liga etablieren.“
Hinter Chatzialexiou, Künzer und Wittmann hängen FCN-Trikots, weiße, rote, schwarze. Neben einer Einstiegstreppe, die hinunter in den Pool führt, ist ein Shirt mit der 11 angebracht. Es ist die Nummer, mit der ein gewisser Miroslav Klose, inzwischen Trainer der Nürnberger Männer, mehr als zehn Jahre lang die Nationalmannschaft geprägt hat. Doch auf dem Trikot neben der Treppe steht nicht „Klose“, sondern „Meroni“.

Und das ist es auch, worum es an diesem Abend geht: Wie macht man einen Zweitligisten im Frauenfußball attraktiv, wenn man nicht mit dem Namen Klose punkten kann?
Bevor Chatzialexiou im vergangenen Sommer nach Nürnberg kam, war er als Sportlicher Leiter beim DFB auch für die Frauen-Nationalelf zuständig. Jetzt sagt er immer noch „meine Mädels“, wenn er über die Spielerinnen von Bundestrainer Christian Wück spricht. Es sei „eine Herzensangelegenheit“ für ihn, nun auch den Frauenfußball in Nürnberg voranzubringen, erklärt Chatzialexiou. Er ahnt, dass er dazu einen langen Atem benötigen wird, doch der Sportvorstand hat trotzdem beschlossen, es anzugehen.
Chatzialexiou muss zwar keine Grundlagenarbeit mehr leisten, weil die Club-Frauen die Strukturen der Männer nutzen. Dass es aber notwendig ist, den FCN an diesem Abend in ein Schaufenster zu stellen, offenbart, wie weit die Mannschaft unter dem Radar bleibt. „Es geht um Entwicklung“, sagt Chatzialexiou und spricht dann davon, Abteilungen zusammenführen, Synergien nutzen und den Kreis der Sponsoren erweitern zu wollen. All das beginne damit, Fußball als Fußball zu begreifen – und nicht die Frauen- der Männermannschaft unterzuordnen, sagt Chatzialexiou und schaut dann wieder aus dem Schwimmbecken hinauf ans Geländer. Oben lehnt Horst Hrubesch an der Brüstung. Mittlerweile ist der ehemalige Bundestrainer der Frauen-Nationalmannschaft zwar Nachwuchsleiter beim Hamburger SV, dem Frauenteam seines Herzensklubs ist er aber auch verbunden.
Er habe Hrubesch vor der Veranstaltung getroffen, verrät Chatzialexiou unten auf seinem Sessel. Hrubesch habe ihm gesagt, Nürnberg steige ohnehin auf und könne dem HSV Anfang Mai, wenn es am Valznerweiher zum Duell komme, die Punkte überlassen. Chatzialexiou lacht. Das werde der Club natürlich nicht tun – nicht einmal dann, wenn der Aufstieg tatsächlich schon feststehen sollte. Könnte ja durchaus sein, dass die Nürnbergerinnen die Bundesliga-Rückkehr Anfang Mai zwar schon besiegelt haben, aber noch Punkte im Meisterschaftsrennen mit Union Berlin brauchen. Und dann haben sie gegen den HSV keine Geschenke zu verteilen. Am Valznerweiher gilt jetzt ja im Frauenfußball: Think big.