Der mit Spannung erwartete Auftritt von Sepp Blatter im Sommermärchen-Prozess vor dem Landgericht Frankfurt war ein Flop. Als die Video-Vernehmung des ehemaligen Fifa-Präsidenten am Donnerstag bereits nach 55 Minuten vorzeitig beendet war, drehten sich die Diskussionen der Beobachter im Gerichtssaal nur bedingt um seine mehr oder minder bedeutungslosen und oft auch widersprüchlichen Aussagen.
Vielmehr stand eine Grundsatzfrage im Blickpunkt: An was wollte, und an was konnte sich Blatter wenige Tage vor seinem 89. Geburtstag nicht mehr erinnern?
Die Vorsitzende Richterin Eva-Marie Distler fand in ihrer Antwort eher verständnisvolle Worte für den Fußball-Strippenzieher aus dem Schweizer Wallis. Ihr Fazit zum Frankfurter Auftritt des von 1998 bis 2016 global in allerlei Skandale verwickelten Fifa-Bosses: „Es geht hier nicht darum, irgendjemanden vorzuführen. Angesichts seines Alters muss man bei ihm manches anders bewerten, er hat nicht wie andere Zeugen die ansteckende Krankheit von Gedächtnislücken.“
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Hatte die Richterin zuvor mehrfach diese „Gedächtnislücken“ bei brisanten Rückfragen zu Ablauf und Zweck der ominösen 6,7 Millionen-Euro-Überweisung im Sommermärchen-Skandal als „unglaubwürdig“ moniert, so war sie diesmal milde gestimmt nach ihren vergeblichen Bemühungen um die Wahrheitsfindung.
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Freundlich bezeichnete sie die Reaktionen Blatters als Ausführungen „eines in die Jahre gekommenen Mannes“. Denn er brachte vieles durcheinander und seine Darstellungen zu wichtigen Punkten im Rätsel um das Sommermärchen-Geheimnis standen im krassen Gegensatz zur aktuellen Beweislage im laufenden Prozess.

© dpa/Peter Kneffel
Am verwunderlichsten war, dass Blatter sich nicht an ein Vieraugengespräch mit Franz Beckenbauer in Zürich erinnern konnte. Dort soll der Fifa-Präsident dem deutschen WM-Organisationskomitee 2006 einen Zuschuss von 170 Millionen Euro zugesagt haben. Im Gegenzug soll dafür später eine Provisionszahlung von 6,7 Millionen Euro an das Fifa-Finanzkomitee ausgehandelt worden sein.
Deshalb unternahm die Richterin gar nicht mehr den Versuch, für Blatter vorbereitete Dokumente per Beamer zu zeigen – die Vernehmung von Blatter, der im Rahmen der Schweizer Rechtshilfe in einem Gerichtsgebäude in Bern saß, blieb ergebnislos.
Den Namen bin Hammam habe ich in Zusammenhang mit diesem Transfer nie gehört.
Sepp Blatter
Interessant war allerdings eine Schilderung: So wusste Blatter zwar, dass der DFB im April 2005 über die Fifa an Beckenbauers Freund Robert Louis-Dreyfus die von früherem Adidas-Chef vorfinanzierten 6,7 Millionen Euro zurückerstattete, er kannte allerdings nicht den Hintergrund. Diese Summe wurde von Louis-Dreyfus, im Sommer 2002, in fünf Tranchen an den katarischen Fifa-Granden Mohamed bin Hamam überwiesen.
Im Brustton der Überzeugung behauptete Blatter: „Den Namen bin Hammam habe ich in Zusammenhang mit diesem Transfer nie gehört.“ Und genauso unmissverständlich resümierte er: „Wir haben Bank gespielt, um einem befreundeten Verband auf dessen Bitte hin zu helfen. Das war eine Dienstleistung von uns“.
Weitere Details seien ihm damals nicht bekannt gewesen, weil das operative Geschäft vom ehemaligen Fifa-Generalsekretär Urs Linsi und von Ex-Finanzdirektor Markus Kattner abgewickelt worden sei. „Was die Beiden berichten, ist richtig“, erläuterte Blatter.
Der nach Blatter per Videoschalte vernommene Kattner konnte und wollte vor dem Landgericht Frankfurt ebenfalls nichts Konkretes sagen.
Nach seiner Darstellung arbeitete er auf Anweisung seines Vorgesetzten Linsi, ohne diese zu hinterfragen. Für 30. April sind die letzten Zeugen-Vernehmungen terminiert und dann wird noch der einstige Fifa-Generalsekretär zu Wort kommen. Sicher wird auch er eine schöne Story erzählen, warum er zu den Details des Sommermärchen-Deals nichts Erhellendes beitragen kann.
Der Autor war von 2001 bis 2012 Sprecher der Nationalmannschaft und bis 2010 DFB-Kommunikationsdirektor. Er arbeitet heute als freier Journalist.