Ilja Kaenzig und Dieter Hecking kennen sich schon eine mittlere Ewigkeit. Fast zwei Jahrzehnte ist es her, dass beide erstmals – damals bei Hannover 96 – beruflich miteinander zu tun hatten. Auch in der Zwischenzeit sind sie sich immer wieder über den Weg gelaufen, zuletzt bei Tagungen der Deutschen Fußball-Liga zum Beispiel.
Aber so dicke, dass man bei ihrer beruflichen Wiedervereinigung von einem Fall der Vetternwirtschaft sprechen müsste, waren beide nie. Ilja Kaenzig, Geschäftsführer des VfL Bochum, nennt es eher einen Glücksfall, dass er überhaupt auf Dieter Hecking gekommen ist, als er im Herbst einen neuen Trainer für den Fußball-Bundesligisten aus dem Ruhrgebiet suchte.
Hecking schien gar nicht mehr auf dem Markt zu sein, nachdem er zuvor knapp vier Jahre als Sportvorstand beim 1. FC Nürnberg gearbeitet hatte. Aber Kaenzig hatte die Information erhalten, dass es anders sein könnte; dass Hecking wieder Lust haben könnte, als Trainer zu arbeiten. „Der Hinweis kam zur richtigen Zeit“, erzählt der Schweizer, der sich im Herbst, bei der Vorstellung des neuen Trainers, als „innerlich sehr, sehr glücklich“ geoutet hat.
Daran hat sich bis heute nichts verändert.
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Ich liebe Herausforderungen. Das ist sicher noch mal eine Herausforderung mit Sternchen.
Dieter Hecking über seine Aufgabe beim VfL Bochum
Dieter Hecking hat im Herbst eine historisch schlechte Mannschaft übernommen. Nach neun Spieltagen lag der VfL mit nur einem Punkt und 9:29 Toren auf Platz 18. Nie zuvor in 62 Jahren Bundesliga war eine Mannschaft zum gleichen Zeitpunkt einer Saison so schlecht.
Sieben Punkte betrug Bochums Rückstand auf den Relegationsplatz. „Ich liebe Herausforderungen“, sagte der neue VfL-Trainer bei seinem Amtsantritt. „Aber das ist sicher noch mal eine Herausforderung mit Sternchen.“
Dass die Welt für den VfL inzwischen ganz anders aussieht, sehr viel freundlicher nämlich, mag auch daran liegen, dass sich die beiden Winterzugänge Tom Krauß und Georgios Masouras als echte Verstärkungen herausgestellt haben. Vor allem aber wird es dem Wirken des neuen Trainers zugeschrieben. „Er ist der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit“, sagt Kaenzig am Telefon.
In den ersten vier Spielen unter Hecking holten die Bochumer zwar auch nur einen Punkt. In den zehn Begegnungen seitdem aber sind dreizehn Zähler hinzugekommen – zwei mehr als bei Borussia Dortmund im selben Zeitraum. Die Rettung des VfL, vor drei Monaten bestenfalls eine Utopie, erscheint tatsächlich wieder möglich.

© imago/Sven Simon
„Ich seh mich nicht als Messias, ich seh mich nicht als Zauberer“, hat Hecking bei seiner Vorstellung gesagt. „Ich bin Dieter Hecking.“ Genau deshalb hat Kaenzig ihn verpflichtet – weil man bei Hecking weiß, was man kriegt. Die komplizierten Dinge einfach zu machen, das sei im Fußball die hohe Kunst, sagt Bochums Geschäftsführer. Und diese Kunst beherrsche Hecking.
Die Trainerstationen von Dieter Hecking
- SC Verl (Juli 2000 bis Januar 2001)
- VfB Lübeck (März 2001 bis Juni 2004)
- Alemannia Aachen (Juli 2004 bis September 2006)
- Hannover 96 (September 2006 bis August 2009)
- 1. FC Nürnberg (Dezember 2009 bis Dezember 2012)
- VfL Wolfsburg (Januar 2013 bis Oktober 2016)
- Borussia Mönchengladbach (Dezember 2016 bis Juni 2019)
- Hamburger SV (Juli 2019 bis Juni 2020)
- 1. FC Nürnberg (Februar bis Juni 2023)
- VfL Bochum (seit 4. November 2024)
Dieter Hecking hatte nie den Anspruch, den Fußball neu zu erfinden. Er ist auch kein Trainer, der viermal im Spiel die taktische Grundordnung wechselt und sich hinterher selbst am meisten dafür feiert. Aber seine Mannschaften haben sich immer schon durch eine gute Struktur und Organisation ausgezeichnet.
Manch einem hat das irgendwann nicht mehr gereicht. Max Eberl bei Borussia Mönchengladbach zum Beispiel. Unter Hecking waren die Gladbacher im Frühjahr 2019 auf dem besten Weg, sich für den Europapokal zu qualifizieren, der Vertrag des Trainers war zudem gerade erst verlängert worden. Und trotzdem beendete Gladbachs Sportdirektor Eberl die Zusammenarbeit zum Ende der Saison und setzte lieber auf Marco Rose, ein neues, unverbrauchtes Gesicht mit neuen, vermeintlich frischeren fußballerischen Ideen.
Seine Markenzeichen haben sich nicht verändert: Dieter ist verlässlich und berechenbar, hat einen Plan und ist kommunikativ stark.
VfL-Geschäftsführer Ilja Kaenzig
„Als Trainer wirst du in eine Schublade gesteckt. Das kannst du nicht verhindern“, sagt Hecking. „Bevor ein Trainer zum ersten Mal auf dem Trainingsplatz steht, wird er von allen Seiten bewertet. Die einen sagen: Halleluja. Die anderen: Um Gottes willen!“
Ilja Kaenzig ist sich sicher, dass er im November die richtige Schublade aufgezogen hat. „Seniorität stand über allem“, sagt der 51-Jährige über das Anforderungsprofil an den neuen Trainer. Die Bochumer wollten einen Mann mit Erfahrung und der nötigen Gelassenheit in aufregenden Zeiten, einen Trainer, der auf Anhieb funktioniert. Experimente konnte sich der Klub in seiner komplizierten Lage nicht mehr leisten.
Kaenzig hat schon 2006 in Hannover zwei Monate mit Hecking zusammengearbeitet, ehe er dort als Sportdirektor entlassen wurde. „Seine Markenzeichen haben sich nicht verändert“, sagt er. „Dieter ist verlässlich und berechenbar, hat einen Plan und ist kommunikativ stark.“ Bochums Außenbahnspieler Gerrit Holtmann, einer der größten Profiteure des Trainerwechsels beim VfL, bescheinigt Hecking eine „natürliche Autorität“.
Der VfL will Hecking über die Saison hinaus halten
An diesem Samstag, im heimischen Ruhrstadion gegen die TSG Hoffenheim, steht für Hecking das 433. Bundesligaspiel als Trainer an. Nur noch neun Trainer kommen auf mehr Einsätze, darunter illustre Namen wie Otto Rehhagel, Jupp Heynckes, Udo Lattek, Hennes Weisweiler oder Ottmar Hitzfeld.
Hecking hat viel erlebt auf seinen Stationen vom SC Verl über Alemannia Aachen und den VfL Wolfsburg bis hin zum Hamburger SV. „Er erkennt Dinge, die andere nicht erkennen, arbeitet hart und ruht in sich“, sagt Kaenzig. „Ihn wirft nichts aus der Bahn.“
Im vergangenen Jahr ist Hecking 60 geworden. Bis zum gesetzlichen Rentenalter ist es also noch ein bisschen hin. Dass der VfL Bochum seinen Trainer über die Saison hinaus halten möchte, „das weiß er“, sagt Ilja Kaenzig. „Darüber haben wir schon gesprochen“.
Bochums Geschäftsführer hat das Gefühl, dass sich Hecking, im Ruhrgebiet geboren, in Westfalen aufgewachsen, mit dem VfL identifiziert, dass er allerdings auch eine entsprechende Perspektive haben möchte – vor allem für den Fall, dass der Klub doch absteigt.
Von der Aussicht, mehrere Jahre im Mittelfeld der Zweiten Liga herumzudümpeln, wird sich Hecking wohl nur schwer begeistern lassen, glaubt der Schweizer. Ziel sei es daher, „ihm so ein ambitioniertes Projekt hinzustellen, dass er sagt: Da habe ich Bock drauf.“ Ilja Kaenzig sagt: „Wir werden alles Mögliche tun.“