An diesem Sonntag um acht Uhr startet wie immer am ersten Sonntag im März der Vasaloppet, der Wasalauf in Schweden. Wenn Klaus Bogenberger zu erzählen anfängt über seine Teilnahme beim wohl berühmtesten Volkslanglaufrennen im vergangenen Jahr, leuchten seine Augen. „Das war ein großartiges Erlebnis“, sagt er. Wie Filmszenen haben sich viele Momente in seinem Gedächtnis eingebrannt. Wie sich morgens im Dunkeln 16 000 Menschen in Position bringen, noch eingehüllt in dicken Jacken und Hosen. Animateure Aufwärmübungen anleiten. Wie der Startschuss fällt und sich die Menge schleppend in Bewegung setzt. Wie er die 90 Kilometer lange Strecke von Sälen nach Mora in der einsamen Landschaft von Dalarna bewältigt, erschöpft und glücklich auf dem 6694. Platz landet.
Klaus Bogenberger sagt aber auch: „Es ist kein langläuferischer Genuss. Da ist es schöner, am Tegernsee allein zu laufen.“ Denn der Wasalauf leidet unter einem Problem, das Stadtbewohner, Pendler, Reisende nur allzu gut kennen: Stau.

Es liegt am Streckenprofil, warum vor allem die Anfangsphase so schwierig zu bewältigen ist. Rasch verengen sich die Loipen – es wird im klassischen Stil gelaufen – zu einem Nadelöhr. „Stellen Sie sich eine Autobahn mit 49 Spuren vor, und wenn sie oben am Irschenberg ankommen, sind es nur noch sieben“, erklärt Bogenberger. Der erste steile Anstieg nach ein paar hundert Metern bedeutet zudem: Überholmanöver sind kaum möglich. An manchen Passagen herrscht Stillstand. Teilnehmer rutschen aus. Bei vielen brechen die Stöcke, vom Gegendruck. Sie müssen zu Ersatzstockstationen traversieren. Nach 200 Höhenmetern auf einer Strecke von drei Kilometern erreichen alle eine Art Plateau, „danach ist der Wasalauf eigentlich nicht mehr so schwer“, sagt Bogenberger. „Doch bis zur Hälfte der Strecke bewegt man sich wie im Autoverkehr in einem Pulk.“
Bogenberger weiß das alles so genau, weil der Wasalauf für ihn danach nicht beendet war. Der Niederbayer ist Verkehrswissenschaftler und Hochschulprofessor an der Technischen Universität München, und kurzerhand entschloss er sich nach der Rückkehr, den Wasalauf zu untersuchen, zusammen mit den Kollegen Martin Treiber und Patrick Malcolm. „Traffic Flow Phenomena in Large Sporting Events – Empirical Analysis and Macroscopic Simulation of the Vasaloppet“, unter diesem Titel erstellten sie ihre Studie, die bald in der Wissenschaftspublikation Physica A erscheint. Dann wird Bogenberger sie den Veranstaltern des Wasalaufs zukommen lassen.
„Den Vasaloppet gibt es seit 1922. Er hat so viel Tradition, da wird man nicht eingreifen“, sagt Bogenberger
Um gleich einer gewissen Enttäuschung vorzugreifen, sagt Bogenberger, dass sich am Ablauf des Rennens und insbesondere der Startsituation nichts ändern wird. „Den Vasaloppet gibt es seit 1922“, sagt Bogenberger, „er hat so viel Tradition, da wird man nicht eingreifen.“ So wie in Wimbledon immer auf Rasen gespielt wird, Sportklassiker sind unantastbar. Seine Neugierde als Wissenschaftler trieb Bogenberger trotzdem an, zu überprüfen, ob und inwieweit etwa ein Wellenstart, wie seit Jahren debattiert, nicht doch besser wäre. Heraus kam: Natürlich ist er das, nur ist das dank Bogenberger und seinen Kollegen nun auch belegt.
Zwei riesige Datenmengen bildeten die Grundlage ihrer Studie. Vom Veranstalter des Wasalaufs ließen sie sich die Zwischenzeiten aller Läufer zukommen. Darüber hinaus baten sie die Teilnehmer, ihnen die mittels Trackinguhr am Handgelenk aufgezeichneten Daten zuzusenden. 200 folgten dem Aufruf: „Mit diesen Daten konnten wir genau sehen, wie viel Zeit jeder in welchem Abschnitt verliert, wo es Störungen gibt und wie sich die einzelnen Gruppen fortbewegen.“ Mit einem Computerprogramm konnte Bogenberger Startvarianten simulieren. Beim Modell Wellenstart etwa laufen die elf hintereinander aufgereihten Leistungsgruppen (vorn die Besten) in zeitlichen Intervallen los. Auch hier galt die Regel: Erst beim Überqueren der Startlinie begann für jeden die Zeit zu laufen.
Ein radikaler Ansatz wäre noch, Bäume zu fällen und mehr Spuren anzulegen
Bogenberger zeigt eine Grafik mit vielen bunten Linien. „Hier sieht man, dass beim echten Rennen die Läufer in der Mitte rund eine Stunde verloren haben, wenn sie auf dem Höhenplateau angekommen sind. Der letzte Läufer braucht sogar fast zwei Stunden. Die ersten sind in 20 Minuten oben.“ Beim Wellenstart sieht es besser aus. „Der letzte Läufer kommt zwar immer noch erst nach zwei Stunden oben an. Aber er startete eine Stunde später“, sagt Bogenberger und zeigt auf Linien in einer anderen Grafik. „Er hat einen Laufzeitgewinn von einer Stunde. Weil er nicht mehr ewig am Aufstieg steht.“ Ein weiterer Vorteil: weniger Kräfteverschleiß, viele würden auch das ganze Rennen schaffen. Jene, die ein bestimmtes Zeitfenster zur Hälfte des Rennens nicht erreichen, werden nämlich aus der Wertung genommen. Sie würden es vor der Dunkelheit nicht bis nach Mora schaffen. Der Sonnenuntergang ist auch der Grund, warum die Startintervalle bei einem Wellenstart nicht beliebig gedehnt werden könnten. Ein radikaler Ansatz wäre noch, Bäume zu fällen und mehr Spuren anzulegen. Doch ein solcher Eingriff wäre undenkbar. Der Charakter des Wasalaufs würde sich im Übrigen derart ändern, dass er nicht mehr der Wasalauf wäre.
Genau deshalb wird der Start auch nicht aufs erste hohe Plateau verlegt. Gestartet wird eben unten, wie immer. Die Läufer, betont Bogenberger, müssen mit dem Stau klarkommen: „Es ist ein großer Kampf im Kopf.“ Bogenberger hatte im vergangenen Jahr an einem Qualifikationsrennen über die halbe Distanz des Wasalaufs teilgenommen, drei Stunden benötigte er. So wurde er der siebten Startgruppe zugeteilt. Kurz darauf kam der echte Lauf, natürlich schaffte Bogenberger die 90 Kilometer nicht einfach in der doppelten Zeit. „Ich habe neuneinhalb Stunden gebraucht“, sagt er und lacht. Die Staus des Vasaloppet sind nicht zu besiegen. Auch nicht von höchst sportlichen Verkehrswissenschaftlern.