Christian Wück war schon bereit, er ging ein paar Schritte aus dem Kabinentrakt des Max-Morlock-Stadions und spähte zwischen zwei Raumteiler. Aber gerade waren die Mikrofone der Journalisten noch auf eine seiner Spielerinnen gerichtet. Also zog sich der Bundestrainer wieder zurück, um weiter über die zentrale Frage des Abends nachzudenken: Wie nur hatte das wieder passieren können? Wücks Gedanken, das wurde jedenfalls wenige Minuten später deutlich, müssen gebrodelt haben in seinem Kopf.
An diesem Abend war ihm im dritten Heimspiel mit dem deutschen Nationalteam sein erster Heimsieg gelungen, noch dazu im Stadion des 1. FC Nürnberg, in dem er selbst ein paar Jahre spielte und neun Tore für den Club schoss. Aber nach Nostalgie oder gar Romantik angesichts seiner Rückkehr war ihm nach dem Schlusspfiff nicht zumute. Auf dem Papier stand ein 4:1 in der Nations League gegen Österreich, doch so fühlte sich das für Wück nicht an.

DFB-Kapitänin Giulia Gwinn
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Die Schweinsteigerin
Erst zwei Kreuzbandrisse, dann Kapitänin: Giulia Gwinn folgt bei den DFB-Frauen auf Alexandra Popp. Ihre Art zu führen wird sich unterscheiden, in einem Punkt aber orientiert sich die 25-Jährige an ihrer Vorgängerin – und an einer Ikone des FC Bayern.
Mit ernster Miene saß er im dunklen Wollpullover auf dem Podium bei der Pressekonferenz mitten in der Stadion-Turnhalle. Was an Schule erinnerte und gut passte zu den Sätzen, die gleich folgen sollten. Wück wirkte wie ein Lehrer, dem wenige Monate vor einer großen Prüfung klar geworden ist, dass er mit seiner Klasse noch mal die Grundrechenregeln durchgehen sollte, bevor er sich höherer Mathematik zuwenden kann. „Wir müssen uns wieder auf unsere Basics konzentrieren“, sagte der 51-Jährige. „So viele Abspielfehler wie in diesem Spiel, so viele verlorene Zweikämpfe wie in der ersten Hälfte – da muss man sich keine großen Gedanken machen, wie weit es bei der EM geht.“
„Wir brauchen gerade immer diesen Nackenklatscher, dass wir in Rückstand gehen“, sagt Kapitänin Giulia Gwinn
Wücks Überlegungen hatten ihn offensichtlich zu einer Warnung mit viel Wumms geleitet. Und es war zwar keine der Spielerinnen in Hörweite, sie hatten deutliche Worte aber ohnehin schon in der Kabine gehört, das ließen sie durchblicken – und das zeigte sich nach der Pause auch auf dem Platz. Da setzte sich das unliebsame Schema fort, dass die erste Hälfte danebengeht und Wücks Plan erst nach der Pause greift. Was vorwiegend mit Blick auf die Europameisterschaft in der Schweiz in vier Monaten (2. bis 27. Juli) Unbehagen verursacht. „Wir brauchen gerade immer diesen Nackenklatscher, dass wir in Rückstand gehen“, analysierte Kapitänin Giulia Gwinn. „Wir müssen einfach wacher sein. Wir reden ganz viel davon, am Ende geht’s aber um die Umsetzung. Da merkt man einfach, dass wir vielleicht noch ein Stück unerfahren sind.“
In der ersten Halbzeit fehlte es an Stabilität, Ordnung, Aggressivität – und das nicht nur in der ohnehin als Problemstelle ausgemachten und durch Verletzungen veränderten Defensive. Ein wirklicher Spielaufbau kam nicht zustande, zu viele Ballverluste, zu viele Duelle gingen verloren; die Deutschen konnten sich nicht entschieden genug gegen das Pressing wehren. Und das gegen einen international derzeit zweitklassigen Gegner, der sich nicht für die EM qualifiziert hat. Als „schon sehr, sehr blauäugig“ beschrieb Wück gar das Zweikampfverhalten, es führte trotz einiger Chancen immerhin nur zu einem Gegentor.

Dann aber kehrten seine Spielerinnen aus der Kabine mit einer Entschlossenheit zurück, als wäre zuvor nichts gewesen. Linda Dallmann kam für Laura Freigang auf die Zehn, Sara Däbritz rückte für Sjoeke Nüsken ins Mittelfeld. Dallmann belebte die Offensive, Däbritz brachte mehr Ruhe rein. Überhaupt gingen die Wechsel auf. Nach dem 1:1 von Freigang (39. Minute) trafen ausschließlich Joker. Erst Dallmann (55.), dann Giovanna Hoffmann (70.), schließlich Vivien Endemann (82.). Das ganze Team wirkte wie aufgeweckt. Im Umkehrschluss, so betonte Kapitänin Gwinn, sollte dieser Wandel aber nicht als Ursache für die schlechte Leistung in der ersten Halbzeit ausgemacht werden: „Ich glaube nicht, dass das einzelne Spielerinnen waren, sondern da haben wir komplett versagt.“
Dass sich dieses Team nach den Rücktritten der Führungsspielerinnen Alexandra Popp, Marina Hegering und Svenja Huth noch einspielen muss, war zu erwarten gewesen. Aber die DFB-Frauen stehen weiter vor dem Rätsel, warum sie sich zuletzt so häufig in einer Hälfte der Partie noch suchen und sich in der anderen schon gefunden zu haben scheinen. War der Bundestrainer mit Blick auf die EM nun also vor allem alarmiert oder doch eher zuversichtlich, weil seine Spielerinnen, wie es so schön heißt, wieder Charakter gezeigt hatten? „Ich habe gemerkt, dass noch sehr viel Arbeit auf uns wartet“, sagte Wück und fuhr nach einem Seufzen fort: „Und dass wir, ja, noch viel mit den Mädels arbeiten müssen sowohl in individueller Hinsicht als auch in mannschaftstaktischer Hinsicht.“ Ein deutlicher Sieg kann sich eben auch wie eine Niederlage anfühlen.
Die fehlende Konstanz lenkt den Blick auf all die Baustellen. Dabei wollen sich Wück und seine Co-Trainerinnen Maren Meinert und Saskia Bartusiak eigentlich lieber der Zusammenstellung des Kaders widmen. Nach der Testphase in den ersten vier Länderspielen des neuen Trios im vergangenen Jahr haben sechs, sieben Spielerinnen ihren Platz im Kader gewissermaßen sicher, verriet der Bundestrainer am Dienstagabend. Offen ließ er hingegen weiterhin, wer künftig die Nummer eins im Tor wird. Er präzisierte gar, dass es entgegen einer kürzlichen Aussage nicht nur einen Vier-, sondern einen Fünfkampf gebe. Dabei würde jede Portion Ruhe gerade helfen. Denn dass seine Spielerinnen sich nach Umstellungen und Wechseln zurückkämpfen können, mag Optimismus verbreiten. Bei der EM aber wird das deutsche Nationalteam womöglich gar nicht erst solche Chancen erhalten.