Es ist noch gar nicht lange her, dass sie beim FC Augsburg zerknirscht auf den Status quo geschaut haben. Ein holpriger Dezember lag hinter den Fußballern, der sie mit einer 1:5-Klatsche bei Aufsteiger Holstein Kiel drei Tage vor Weihnachten in die kurze Spielpause entließ. Das neue Jahr eröffneten sie mit einer 0:1-Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart. In der Tabelle schrumpfte der Vorsprung auf den 1. FC Heidenheim, der auf Relegationsplatz 16 stand, auf drei Pünktchen zusammen – weshalb sie noch etwas zerknirschter dreinblickten.
Daran muss vor dem Heimspiel am Sonntag gegen den SC Freiburg erinnert werden, um die 180-Grad-Wende zum neuen Status quo einordnen zu können. Dass sie beim FC Augsburg nach dem missglückten Jahresauftakt gegen Stuttgart sieben Ligaspiele ohne Niederlage, genauer vier Siege und drei Unentschieden aneinanderreihen werden, hätte vor anderthalb Monaten als mindestens blumige Prognose gegolten. Nur das 0:1 in Stuttgart im Viertelfinale des DFB-Pokals Anfang Februar steht als Makel in der Bilanz. Immerhin hatte dieser auf die Bundesligatabelle keinen Einfluss. Durch die mittlerweile 16 Punkte Vorsprung auf den Drittletzten Heidenheim darf der Abstiegskampf als bereits bewältigt gelten, bevor dieser für den FCA wirklich zur ernsthaften Gefahr werden konnte. Die Mannschaft von Trainer Jess Thorup legte zuletzt vielmehr einen regelrechten U-Turn nach oben hin. „Alles läuft im Moment“, stellte der Däne nach dem jüngsten 3:0-Sieg bei Borussia Mönchengladbach vergnügt fest.
Aus Sicht der Augsburger darf ihr Flow gegen Freiburg und auch darüber hinaus gerne anhalten, zumal dadurch eines der zwei Ziele für die mittelfristige Zukunft schon jetzt in Reichweite käme: eine Platzierung unter den ersten Zehn der Tabelle. Die zweite Teilnahme am Europapokal in der Vereinsgeschichte nach 2015/16, das zweite Fernziel, ist weiter entfernt. Aber es ist schon so ein unerwarteter Erfolg, dass der FCA gerade ganz vorsichtig die obere Hälfte des Tableaus nach einem Plätzchen für sich sondieren darf.
Weder für Matsima noch für Claude-Maurice hatten ihre französischen Klubs eine Verwendung
Viel zu tun hat das mit Finn Dahmen, Chrislain Matsima und Alexis Claude-Maurice, die sich immer mehr als Augsburgs überraschende Achse des Erfolgs entpuppen. Dabei war von dem Trio zu Saisonbeginn kaum oder gar nicht die Rede. Dahmen schaute damals nur noch als Torwart Nummer zwei zu, wie Zugang Nediljko Labrovic im Pokal und in der Bundesliga spielte. Matsima und Claude-Maurice gehörten sogar noch gar nicht zum Kader. Gemeinsam mit Leihspieler Frank Onyeka, 27, vom FC Brentford huschten die beiden Franzosen von der Côte d’Azur aus erst am 30. August durch den letzten Spalt des Transferfensters. Der Innenverteidiger Matsima kam als Leihkraft vom Champions-League-Teilnehmer AS Monaco, der keine Verwendung für das Talent fand. Offensivspieler Claude-Maurice unterschrieb ablösefrei bis 2027, weil er bei Monacos Nachbar OGC Nizza nicht mehr gewollt war. Zu inkonstant lautete die Expertise aus Südfrankreich.
In Augsburg lacht sich nicht nur Sportdirektor Marinko Jurendic längst ins Fäustchen, was für zwei Transfers da gelungen sind. Bei den Schwaben präsentiert sich Claude-Maurice, 26, als Unterschiedsspieler. Thorup nennt ihn einen „X-Faktor“, weil der flinke Claude-Maurice mit seiner feinen Technik entscheidende Momente kreieren kann. In Mönchengladbach erzielte er alle drei Tore innerhalb einer Viertelstunde und schaffte damit als erster Augsburger einen sogenannten lupenreinen Hattrick in der Bundesliga. Zuvor hatte er die Siege gegen Dortmund (2:1) und bei Union (2:0) mit je zwei Toren maßgeblich herbeigeführt. Insgesamt kommt Claude-Maurice beim FCA in 20 Einsätzen auf zehn Tore, mit Abstand sein persönlicher Saisonbestwert in seiner Profikarriere.
Ähnlich überzeugend fällt Matsimas Zwischenbilanz aus, der sich ebenfalls als feste Säule in Thorups Team etabliert hat. Auch deshalb haben die Augsburger Ende Januar ihre im Sommer verankerte Kaufoption gezogen und mit dem Kapitän der französischen U21-Nationalmannschaft einen Vertrag bis 2029 geschlossen. Die Ablöse von rund fünf Millionen Euro wirkt auch deshalb überschaubar, weil der 22 Jahre alte Matsima als Versprechen für die Zukunft gilt, sportlich sowie finanziell bei einem möglichen Weiterverkauf. Thorup bescheinigt seinem „Leistungsträger“ ein „riesiges Potenzial“, Mitspieler Elvis Rexhbecaj bezeichnete den Kollegen gar als „Juwel“. Wegen seiner überzeugenden Leistungen wurde Matsima zum Bundesliga-Rookie des Monats Januar gekürt. Bei der Wahl setzte er sich auch gegen Bayern Münchens Michael Olise durch, mit dem Matsima in Frankreichs Olympiaauswahl im vergangenen Sommer die Silbermedaille gewonnen hatte.
Und dann ist da noch Torwart Dahmen, 26, der im Juli 2023 ablösefrei vom 1. FSV Mainz 05 übergelaufen war. Nach einer wechselhaften Saison als Nummer eins im vergangenen Sommer schien er beim FCA in einer Karriere-Sackgasse gelandet zu sein – doch Dahmens Geduld nach der Herabstufung zur Nummer zwei zahlte sich aus. Im Januar machte ihn Thorup wieder zur Nummer eins, seither hat der FCA in acht Ligaspielen nur drei Gegentore kassiert. Fünfmal stand bei Dahmen die Null, letztmals musste er vor 343 Minuten hinter sich greifen. Mit ihrem Gegentorschnitt von 0,38 pro Spiel haben die Augsburger im Jahr 2025 sogar die beste Defensive in Europa, vor dem FC Barcelona (0,5). Und Trainer Thorup, 55, kommt in den 50 Spielen seiner Amtszeit seit Oktober 2023 sogar auf den besten Punkteschnitt aller Augsburger Bundesligatrainer (1,3). Zerknirscht schauen sie beim FCA schon länger nicht mehr drein.