Noch rollt ein Bagger über den Ringvalvegen 217 in Heimdal, einen Parkplatz am Waldrand ein paar Kilometer südlich von Trondheim, nicht weit weg vom einen Ende des wunderschönen, weitverzweigten Trondheimfjords. Von hier aus bringen Shuttlebusse die rot gekleideten, bommelbemützten Volunteers der 55. nordischen Ski-Weltmeisterschaften ins Skizentrum Granasen mit den beiden Schanzen und der Langlaufstrecke. 200 000 Tickets sind schon für die 25 Wettbewerbe verkauft. Der Bagger verteilt noch den restlichen Schotter an diesem Mittwoch, dem Tag der Eröffnungsfeier, ebnet die Fläche. Schnee räumen muss er allerdings nicht – denn es ist viel zu warm in Trondheim für diese Jahreszeit, fünf Grad plus und mehr. Normalerweise, sagen sie hier, müsste das Thermometer minus zehn oder minus fünfzehn Grad anzeigen. Der Schnee, der vor ein paar Wochen noch fast einen Meter hoch lag: fast weggeschmolzen.
Vielleicht passt dieses Bild von der Baustelle gerade auch ganz gut zu den deutschen Skispringern. Der Unterschied ist, dass die Arbeiten am Ringvalvegen fast abgeschlossen sind, während sich Karl Geiger, Andreas Wellinger, Pius Paschke und Kollegen vor der WM noch in der tiefsten Krise seit langer Zeit befinden. Während die Skispringerinnen, die Nordisch Kombinierten und auch Langläuferin Victoria Carl beste Medaillenchancen bei dieser WM haben, hüpfen die deutschen Adler seit ihrem Absturz bei der Vierschanzentournee hinterher. Chancen rechnen sie sich allenfalls im Team aus – oder eher noch im Mixed.
Den Bundestrainer Stefan Horngacher kennt ein größeres Publikum vor allem von der Vierschanzentournee als Meister der Lakonie, der Dinge schnörkellos auf den Punkt bringt – selbst wenn seine Springer, wie bei der jüngsten Tournee, von Schanze zu Schanze immer weiter hinterherfliegen, obwohl Paschke zuvor im Weltcup die Konkurrenz mit fünf Siegen dominiert hatte. Eine Woche vor dem WM-Start hat Horngacher noch ein paar Fragen zu beantworten in einer – sehr großen – virtuellen Gesprächsrunde, und er sagt: „Ja erst mal hallo an alle, ich sehe, es gibt immer noch reges Interesse am Skisprung, Gott sei Dank.“ Es ist eine Aussage mit Augenzwinkern, aber nicht nur.

Am vorvergangenen Wochenende schafften es die DSV-Athleten, in einem noch tieferen Tal zu landen, sie ernteten samstags in Sapporo ihr schlechtestes Weltcup-Ergebnis seit 14 Jahren – und verpassten zum sechsten Mal in Serie einen Platz unter den besten Zehn. Paschke hatte trotz seiner Ränge 23 und 31 „ein paar positive Sachen gesehen“, am Sonntag sprang Olympiasieger Andreas Wellinger immerhin auf Rang neun. Geiger, mit Paschke 2021 in Oberstdorf Team-Weltmeister von der Großschanze, war gar nicht am Start, er trainierte lieber zu Hause.
Schlechte Sprünge, kein Selbstvertrauen, schlechte Ergebnisse: Die deutschen Springer stecken in einer Wiederholungsschleife
Der Unterschied zu früher: Die komplette Mannschaft steckt im Tief, also das Quintett, das in Trondheim startet: Geiger, Paschke, Wellinger, Stephan Leyhe und Philipp Raimund. Der sechsmalige Weltmeister Markus Eisenbichler ist noch immer nicht dabei – zu schwach.
Und die Gründe?
Horngacher holt aus, eine genauere Analyse könne es erst im Frühjahr geben, aber die Gründe dafür seien natürlich vielfältig: „Der Großteil an der Misere liegt schon im technischen Bereich“, findet der Österreicher, „in einem zu langen Zeitraum ist zu schlecht Ski gesprungen worden – und das hat sich dann im Laufe der Zeit ein bisschen verstärkt.“ Keine Serie von guten Sprüngen, kein Rhythmus, kein Selbstvertrauen, so lautet Horngachers Dreiklang.
Der Bundestrainer mutmaßt, dass auch im Materialbereich etwas nicht ganz hundertprozentig passt; jedenfalls wundert er sich, dass „wir immer die Schnellsten beim Runterfahren sind in der Spur, aber wir haben einfach nicht diesen Flugsupport oder das Fluggefühl, was andere zeigen.“ Es könne aber auch einfach sein, dass die Athleten zu verkrampft seien.
Skispringen beginnt im Kopf, schon oben am Balken, es braucht große Entschlossenheit, sich abzustoßen in die Spur. Dort muss man die richtige Position in der Hocke finden, den richtigen Winkel – und es dann schaffen, bei 90 km/h und mehr keine Millisekunde zu früh oder zu spät vom Schanzentisch abzuheben. Danach müssen die Ski sanft, aber schnell in den Wind gestellt werden. Psyche, Körper, Anzug, Ski, Schuhe, Bindung – alles spielt in dieses Flugsystem hinein. Wind und Wetter kommen hinzu. Wenn eine dieser Komponenten nicht passt, wird es nichts mit dem Fliegen.

Geiger hat zuletzt versucht, wie er in der Woche vor dem WM-Start erzählte, „nochmal gröber ins System einzugreifen, um es aufzubrechen“, inklusive einer besseren Skiführung. Aber der inzwischen 32-jährige fünfmalige Weltmeister weiß auch: „Das wird eine echte Challenge, weil es ist schon ein Stückchen weg bis zur Weltspitze.“ Ob die 20, 30 Trainingssprünge, die er vor Trondheim noch hatte, reichen für die Systemumstellung? „Ich weiß es nicht.“
Auch Wellinger, 29, ist weit davon entfernt, Euphorie zu versprühen, „speziell die letzten zwei Monate waren sehr mühsam“. Aber wer weiß, was auf der Normalschanze passiert, die den Deutschen oft gelegen hat, auf diesem kleinen Bakken in Granasen, wo die Männer am Samstag ihre Qualifikation haben und am Sonntag um Edelmetall springen. „Auf der kleinen Schanze sind wir traditionell immer sehr stark“, sagt Horngacher – und schickt in seiner österreichischen Mundart noch ein kleines Stoßgebet hinterher: „Wenn du in der Minusspirale bist, dann geht es sehr lange nach unten. Jetzt hoffe ich, dass wir ganz unten angekommen sind und uns wieder nach oben spiralisieren können.“
„Hopp“, so heißt das Skispringen hier in Norwegen wunderbar schlicht. Hopp – wenn es nur so einfach wäre für die deutschen Springer.