Ob die ARD den Fall Mischke jetzt vielleicht zügiger aufarbeitet? Thilo Mischke hat erstmals selbst Stellung bezogen und der „Zeit“ ein Interview gegeben, in dem er der ARD massive Vorwürfe macht. Und was macht der Sender?
Er schweigt. Oder dementiert. Der Chefredakteur Oliver Köhr habe ihn gefragt, „ob da denn was rauskommen könne“, so Mischke in der „Zeit“, nachdem Mischke wegen seines Buches „In 80 Frauen um die Welt“ Sexismus vorgeworfen worden war.
Es war einfach schlecht, wie wir da reagiert haben.
Florian Hager, ARD-Vorsitzender
Von der „ttt“-Moderatorin Siham El-Maimouni, mit der er im Wechsel die Sendung moderieren sollte, sei ihm nahegelegt worden, „selbst von dem Job zurückzutreten“, eigentlich habe sie gar nicht mit ihm sprechen wollen. Und von der WDR-Kulturchefin sei er als „Sexjournalist“ diffamiert worden, „wenn man sich meinen Lebenslauf so ansehen würde.“
All diese Aussagen weist die ARD auf Anfrage zurück, ohne konkreter zu werden: „Thilo Mischkes Angaben zu Gesprächen mit dem ARD-Chefredakteur, der Programmdirektorin des WDR und der ttt-Moderatorin dementieren wir.“, so eine ARD-Sprecherin. Und: „Zu Details können wir wegen des laufenden internen Aufarbeitungs-Prozesses nichts sagen.“
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Was Mischke der ARD auch unterstellt: Dass sich trotz seiner Hinweise auf das Buch niemand dafür interessiert, geschweige denn das Buch gelesen habe. Das wiederum würde zu den Details des Entscheidungsprozesses pro Mischke passen, die laut „FAZ“ der NDR nach einer Sitzung des NDR-Rundfunkrats offenbarte – dass es nämlich keinen Background-Check der Kandidaten gegeben habe.
Im Oktober 2024 sei Mischke nach dem Casting von einer „dreiköpfigen Steuerungsgruppe“ empfohlen worden, und dann hätten sechs Kulturchefinnen- und -chefs der Sender entschieden.
NDR-Kulturchefin Anja Würzberg hatte ebenfalls zugestimmt. Nur wisse man heute mehr als zum Zeitpunkt der Entscheidung, so ihre Einsicht. Also dass es von Mischke zum Beispiel das Buch „In 80 Frauen um die Welt“ gibt.
Projektgruppe zum Fall Mischke
Man arbeitet also weiter auf bei der ARD. Es gibt jetzt, fast zwei Monate nach der Debatte, eine Projektgruppe zum Fall Mischke, die von ARD-Chefredakteur Oliver Köhr geleitet wird.
Als der ARD-Vorsitzende Florian Hager das vor zwei Wochen bekanntgab, sagte er auch: „Es war einfach schlecht, wie wir da reagiert haben.“ Man wolle da auch „in der Struktur“ noch einmal die „Verantwortlichkeiten“ klären, „dass auch vor allem in Krisensituationen eine Person auch nach außen sprechen kann.“
„Samtjackett-Feuilletonismus“?
Mischke kann das sowieso nur für sich allein. Wenn er sein Buch inzwischen als „Literatur“ bezeichnet und eben dessen Helden Thilo Mischke als rassistisch und sexistisch (bitte nicht zu verwechseln mit dem Autor), mag man das als dürftige, zweifelhafte, im besten Fall legitime Verteidigung interpretieren.
Auch sein Kulturbegriff ist ein seltsamer. Der passt zur vermutlich nicht kleinen Fraktion in der ARD, die keinen „Samtjackett-Feuilletonismus“ mehr will, wie man ihm angeblich weisgemacht hat (Ärmel hoch gekrempelt, in die Hände gespuckt, Kultur!)
Doch wenn Thilo Mischke der ARD attestiert, „versagt“ zu haben, kann man das nur unterschreiben. Der ARD würde es gut anstehen, nicht noch ein weiteres Mal zu versagen und besser zu reagieren, auch im Umgang mit Mischkes Äußerungen in der „Zeit“.