Es ist ein Boom, der schon länger Fragen aufwirft – vor allem danach, wie er zustande gekommen ist und wer davon profitiert: 2023 hatten die deutschen Banken und Sparkassen so viele Zertifikate verkauft wie lange nicht. Hinter dieser Anlageform verbergen sich strukturierte Wertpapiere, die sich aus unbesicherten, verzinsten Bankanleihen zusammensetzen. Die ermöglichen zugleich Wetten auf steigende, fallende, seitwärts tendierende Aktienkurse, einen Aktienindex oder andere Preisentwicklungen. Laut dem Bundesverband Strukturierte Wertpapiere (BSW) hatten die Anleger in Deutschland zum Jahresende 2023 112 Milliarden Euro in diese Art Wertpapiere investiert - 40 Prozent mehr als im Vorjahr und so viel wie seit 16 Jahren nicht. Ende 2024 war es mit gut 101 Milliarden etwas weniger, aber immer noch viel.
Verbraucherschützer kritisieren die Produkte schon lange als zu kompliziert und vergleichsweise teuer für Anleger. Zudem würden Banken und Sparkassen die strukturierten Anleihen wegen ihrer attraktiven Vertriebsprovisionen auch an Anleger verkaufen, die lediglich klassische Zinsprodukte wie Tages- oder Festgeld nachfragten. Die Finanzaufsicht Bafin – die auch für Verbraucherschutzfragen zuständig ist – wollte es daher genauer wissen und startete vor gut einem Jahr eine Marktuntersuchung, die sie nun teilweise abgeschlossen hat.
Glaubt man der Bafin und den Anbietern, dann haben Kunden offenbar in großem Stil von sich aus nach diesen Produkten gefragt. „Die Finanzaufsicht hat keine Belege dafür gefunden, dass Banken und Sparkassen ihre Kundinnen und Kunden, die an Einlageprodukten interessiert waren, nach der Zinswende stattdessen in Zertifikate gedrängt hätten“, teilte die Bonner Behörde mit. In der Ära der Null- und Niedrigzinsen verkauften Banken die Zertifikate vor allem als Alternative zum unverzinsten Tages- und Festgeld oder zur Aktienanlage. Als die Zinsen dann stiegen, verkauften sie die Papiere aber sogar noch schwungvoller, statt Kunden und Kundinnen zu Bundesanleihen zu raten oder ihnen für den längerfristigen Vermögensaufbau kostengünstige und transparente Aktienindexfonds (ETF) anzubieten.
Eine systematische Fehlberatung durch Banken und Sparkassen habe es dabei allerdings nicht gegeben, sagte Thorsten Pötzsch, der im Bafin-Direktorium für die Wertpapieraufsicht zuständig ist. Die Kunden seien in der Regel auch zufrieden mit der Beratung durch Banken und Sparkassen gewesen. Die Bafin hat von Mai 2024 bis Februar 2025 Hersteller und Vertriebsunternehmen von Zins- und Express-Zertifikaten untersucht und darüber hinaus erstmals auch Kunden von Banken und Sparkassen befragt, die solche Produkte gekauft hatten. „Wir haben nichts anderes erwartet: Die Bafin-Untersuchung hat keine systematische Fehlberatung festgestellt und damit die hohe Akzeptanz unserer Anlageprodukte bei privaten Anlegern bestätigt“, teilte der BSW mit.
Allenfalls hätten Anbieter bei sogenannten Zins- und Express-Zertifikaten nicht sorgfältig genug definiert, für welche Kundengruppen und unter welchen Marktbedingungen diese Papiere verkauft werden sollen, erklärt die Bafin. Zudem habe es Hinweise gegeben, dass etwa 20 Prozent der Kundinnen und Kunden die Funktionsweise und Risiken von Express-Zertifikaten nicht vollumfänglich verstanden hatten. „Die Bafin wird Institute, bei denen sie Mängel identifiziert hat, schriftlich auffordern, diese abzustellen.“
Beunruhigt äußert sich Pötzsch allenfalls über die Entwicklung bei Turbo-Zertifikaten. In diese Finanzprodukte, die es ermöglichen, mit Hebelwirkung auf Kursbewegungen eines Basiswerts wie Aktien oder Währungen zu spekulieren, investierten im betrachteten Zeitraum 2019 bis 2023 mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland. Rund 75 Prozent haben ihr Geld verloren, in den fünf Jahre mehr als 3,4 Milliarden Euro. „Auch wenn die Käuferinnen und Käufer von Turbo-Zertifikaten teilweise erfahrene Anleger sind, müssen die Hersteller und Vertriebsunternehmen die Risiken solcher Produkte ausreichend prominent und transparent aufzeigen“, sagte Pötzsch. Da sei noch Luft nach oben.
Von Verbraucherschützern kam prompt Kritik an der Prüfung. Niels Nauhauser, Bankenexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, schrieb auf Linkedin: Man frage sich, auf welcher Basis die Bafin denn festgestellt habe, dass es „keine systematische Fehlberatung bei Anlage-Zertifikaten“ gab und „die Institute Kunden nach der Zinswende nicht unzulässig zum Kauf solcher Zertifikate gedrängt“ hätten. Wer von Zufriedenheit der Anleger auf Beratungsqualität schließe, mache sich die Position der Marketingabteilungen der Finanzinstitute zu eigen, das sei ein methodisch schwerwiegender Fehler.