Kettensägen sind gerade in aller Munde. Sie müssen herhalten für alle möglichen radikalen Vorhaben oder schiefen Metaphern, sie gelten manchen als Synonym für einen Kahlschlag, der es in sich hat. Oft nehmen die Kettensäge Männer in die Hand, die sich gerne als konsequente Aufräumer inszenieren, als Männer, so meinen sie, auf die die Welt gewartet habe – wie ein Blick über den Atlantik zeigt.
Da ist Javier Milei, der ultrakonservative argentinische Präsident. Im Wahlkampf vor eineinhalb Jahren tönte er, den Staat komplett umkrempeln zu wollen: Sozialstaat beschneiden, fünf Ministerien abschaffen, Staatsausgaben kappen. „Es lebe die Freiheit, verdammt“, war sein Wahlspruch. Um seine Absichten zu untermalen, brachte Milei regelmäßig eine Kettensäge zu Wahlkampfevents mit. Die hielt er dann euphorisch grinsend über den Kopf, seine Fans jubelten ihm zu. Tatsächlich gewann Milei die Stichwahl – nicht mit der Stichsäge, sondern, nun ja, mit der Kettensäge.
Offenbar kommt dieser Tage eine martialische Drohgebärde vielerorts besser an als eine lange, ausgewogene Rede. Rattatta statt kluger Worte.
Auch in den USA. Dort hat Präsident Donald Trump den Tech-Milliardär Elon Musk mit der Aufgabe betraut, die Staatsausgaben drastisch zu senken. Mit seiner Effizienzagentur will Musk nun Strukturen vereinfachen. Er fährt einen rücksichtslosen Kündigungskurs gegen Bundesbeamte, ganz so, als wäre der Staatsapparat ein Wirtschaftsunternehmen wie Tesla oder Space-X.
Beide Radikalreformer trafen sich dann Ende Februar auf der „Conservative Political Action Conference“ im US-Bundestaat Maryland. Und dort lief Javier Milei, der gewählte argentinische Präsident, mit einer glitzernden Kettensäge auf die Bühne und übergab sie dem ungewählten US-Staatsumbauer Elon Musk. Nach dem Motto: Hier, nimm das Ding, damit geht’s schneller. Musk, Sonnenbrille und „Make America Great Again“-Kappe auf dem Kopf, nahm sie auf, gab Milei die Hand und reckte stolz die Kettensäge in die Luft. Das Publikum war begeistert.
Auch hierzulande gibt es Männer, die sich die beiden Kettensägenmänner gerne als Vorbild genommen hätten. „Wir sollten in Deutschland vielleicht ein kleines bisschen mehr Milei oder Musk wagen“, sagte im Wahlkampf der zuvor gefeuerte Ex-Finanzminister Christian Lindner, der sich nach der Wahlschlappe seiner FDP aus der Politik zurückziehen will.
Die Kettensäge als Synonym für Disruption? Was hält eigentlich der Weltmarktführer für Kettensägen davon, die schwäbische Firma Stihl? Deren Gründer Andreas Stihl gilt als Vater der Kettensäge. „Die Säge muss zum Baum kommen – und nicht umgekehrt“, dachte Stihl sich 1926 und entwickelte eine tragbare Kettensäge. Damals eine Revolution, hatte man doch bis dahin Bäume mit Handsägen und reiner Muskelkraft fällen und ins Sägewerk karren müssen.

Seit 1971 ist Stihl laut eigenen Angaben die meistverkaufte Kettensägenmarke der Welt. Doch Nikolas Stihl, Enkel des Gründers und heute Aufsichtsratschef, will sich nicht öffentlich zum martialischen Image seines Produktes äußern. Vielmehr macht er sich Sorgen um den Wirtschaftsstandort. In der Augsburger Allgemeinen klagte er kürzlich über „toxische Standortbedingungen in Deutschland“: zu viel Bürokratie, zu strenge Regulierung, zu hohe Lohnkosten. Mit der Kettensäge will er aber rhetorisch nicht ran. Auf die Frage, ob Deutschland wieder einen Reformer vom Rang eines Gerhard Schröders brauche, „der hie und da die Kettensäge ansetzen ließ“, antwortet Stihl: „Den Begriff ‚Kettensäge‘ möchte ich aus der Diskussion raushalten.“ Punkt.
In den Augen der Stihls stehen Kettensägen nicht für etwas Radikales, sondern für ein Stück schwäbischer Ingenieurskunst. Sonderlich glücklich sind sie in Waiblingen also nicht über das Licht, in das die Musks und Mileis dieser Welt ihr Produkt rücken. Und hoffen offenbar, dass die Kettensäge bald wieder aus den Reden der Männer verschwindet.
Noch schlimmer als die Stihls traf es 2005 den schwäbischen Nachbarn Kärcher, als Nicolas Sarkozy, damals französischer Innenminister, nach Ausschreitungen in den Pariser Banlieues tönte, das „Gesindel“ von der Straße zu „kärchern“. Eine Anspielung auf die Hochdruckreiniger der Firma. Kärcher hat Sarkozy seither mehrmals aufgefordert, seinen Markennamen nicht für Gewalt und Zwangsmaßnahmen zu missbrauchen.
Keine Frage: Kettensägen können gefährlich sein, gefährlicher noch als Reinigungsgeräte von Kärcher. Doch Motorsägen von heute haben Schutzmechanismen: Die Kettenbremse soll verhindern, dass sich die ratternde Kette dem Kopf oder Schulterbereich des Nutzers nähert. Und Arbeitskleidung wie die Schnittschutzhose stoppt die Kette sofort, wenn sie auf den Oberschenkel abrutscht. Die Unfallzahlen sind laut Stihl stark gesunken.
Seine Kettensägen, schreibt Stihl auf seiner Website, eignen sich für die Arbeit im Wald, in der Landwirtschaft oder für Heimwerker im Garten. Von Staatsapparaten und Behörden steht da nix.