Lebensversicherungen als Altersvorsorge müssen viele Jahrzehnte funktionieren, wenn sie Sinn ergeben sollen. Von „lebenslanger Partnerschaft“ redet die Branche gerne. Doch die Versicherer haben ein ganz eigenes Verständnis davon, was das bedeutet.
Wer 1990 bei der gewerkschaftsnahen Volksfürsorge in Hamburg eine Lebensversicherung abschloss, wurde 1993 dadurch überrascht, dass die italienische Generali-Gruppe aus Triest das Unternehmen gekauft hatte. 2019 verkaufte die Generali ihre deutsche Lebensversicherungstochter an den Abwicklungsspezialisten Viridium, der mehrheitlich dem britischen Finanzinvestor Cinven gehört.
Jetzt gibt Cinven seine Anteile ab. Ein Konsortium unter Führung der Allianz übernimmt Viridium. Die „lebenslange Partnerschaft“ führt den Kunden von einem Partner in Hamburg über solche in Triest und London schließlich nach München.
Das muss nichts Schlechtes sein, solange der Vertrag eingehalten wird und der Versicherer ordentliche Erträge erzielt. Der Vorgang zeigt aber, dass man der Branche die süßliche Mär von dem sich kümmernden Versicherer nicht abnehmen sollte. Lebensversicherungsverträge sind eine Handelsware, und Finanzmanager kaufen und verkaufen sie mit Gewinn.
Viridium in seiner jetzigen Form gibt es seit 2014. Das Unternehmen macht kein Neugeschäft, sondern wickelt ausschließlich Altverträge ab, die es von anderen Gesellschaften übernommen hat. Es verwaltet aktuell Verträge von mehr als drei Millionen Kunden mit 67 Milliarden Euro an Kapitalanlagen – Geld, das diesen Kunden gehört.
Die Mehrheit an Viridium hält der Londoner Finanzinvestor Cinven, die Generali ist mit zehn Prozent und die Hannover Rück mit weniger als 20 Prozent beteiligt. Aber Cinven ist nach Ansicht der Finanzaufsicht nicht mehr als Mehrheitseigner geeignet.
Die Briten werden für die schwere Krise ihrer italienischen Tochter Eurovita verantwortlich gemacht, die 2023 von der dortigen Versicherungsaufsicht in Notverwaltung übernommen wurde und jetzt aufgelöst wird. Deshalb scheiterte 2024 die Übertragung von 720 000 Verträgen der Zurich Deutschland auf Viridium. Die Bafin hatte klargemacht, dass sie den Deal nicht genehmigen würde, solange Cinven die Mehrheit an Viridium hat.
„Wir mögen das Geschäftsmodell sehr“, sagt Allianz-Chef Bäte
Deshalb müssen die Briten jetzt verkaufen. Im Rennen waren zuletzt das Abwicklungsunternehmen Athora, das eng mit dem globalen Vermögensverwalter Apollo zusammenarbeitet, und das Konsortium unter Führung der Allianz. Beteiligt sind dort neben den Münchnern die T&D Insurance Group aus Japan und der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock.
Das Konsortium hat sich durchgesetzt. Die Verträge sollen in der kommenden Woche unterzeichnet werden. Dabei wird Viridium mit rund 3,5 Milliarden Euro bewertet. Die Generali bleibt an Bord und wird ihren Anteil vielleicht noch aufstocken. Die Hannover Rück dagegen wird wohl einen Teil oder alles verkaufen.
Die Allianz soll künftig etwa 25 Prozent an Viridium halten. Dafür muss sie knapp 900 Millionen Euro aufbringen. Das ist es der Konzernführung unter Oliver Bäte wert. „Wir mögen das Geschäftsmodell sehr“, hatte Bäte am 28. Februar vor Aktienanalysten erklärt. Dabei hat er auch deutlich gemacht, worum es ihm geht: Das eigentliche Versicherungsgeschäft von Viridium ist ihm egal. Aber: Die Allianz will mit den Vermögensverwaltern Allianz Global Investors und Pimco einen großen Teil des Viridium-Vermögens verwalten und an den Gebühren dafür kräftig verdienen. „Denken Sie an die Erträge aus der Vermögensverwaltung“, antwortete er einem Analysten, der am Sinn der Übernahme zweifelte.
Für Viridium hat die Deal-Struktur den großen Vorteil, dass der Abwicklungsspezialist keinen einzelnen Mehrheitsaktionär mehr hat, wohl aber kapitalstarke Investoren als Eigner. Das dürfte der Bafin die Zustimmung leicht machen.
Das Unternehmen kann in den kommenden Jahren stark wachsen. Es gibt zahlreiche Versicherungskonzerne, deren Lebensversicherer unter den niedrigen Zinsen und ihren veralteten IT-Systemen leiden. Für die Erneuerung haben sie oft weder die Kraft noch die Mittel.
Viridium hat eine moderne IT und bewiesen, dass es große Vertragsbestände auf dieses System übertragen kann. Wer als Versicherer seine Lebensbestände dorthin abgibt, ist das Problem los und muss keine negativen Schlagzeilen befürchten. Anfangsprobleme mit schlechter Erreichbarkeit und fehlerhaften Auszahlungen hat das Unternehmen inzwischen überwunden.