So viel Vorschusslorbeeren gab’s selten: Bei der Einführung der neuen Mobilfunktechnologie 5G überboten sich Technikhersteller und Mobilfunkanbieter mit Versprechungen, was der neue Datenfunk alles leisten könne. Nun ist 5G seit einigen Jahren verfügbar. Viele der Versprechungen allerdings blieben genau das: Versprechungen. Die Technologie sei bei Weitem noch nicht ausgereizt, klagte jüngst Markus Haas, Chef von Telefónica Deutschland, mit der Marke O2 einer der großen Drei hierzulande. Und die Konkurrenz von Vodafone freut sich zwar, dass der Datenverkehr in dem neuen Funknetz zunimmt. Allerdings ist der noch immer vergleichsweise mau. Was ist da bloß los?
Eine Idee davon kann man bekommen, wenn man sich einen 5G-fähigen Funkmast von Vodafone in der Nähe von Wiesbaden ansieht. Mitten im Wald steht der. Das ist gut für die Abdeckung mit Mobilfunk, schließlich will man ja in aller Regel überall erreichbar sein oder auch Hilfe rufen können, falls nötig. Nur, 5G braucht es dafür eigentlich nicht. Kein Wunder also, dass dieser Vodafone-Funkmast – schade für ihn – der mit dem geringsten 5G-Datenverkehr des Unternehmens in Deutschland ist.
Was das über 5G aussagt, ist dies: Für das allermeiste, das die Kunden mit ihren Smartphones tun, ist es völlig unerheblich, ob es mit 5G passiert oder mit der Vorgängertechnologie 4G. Auch die stellt ausreichend schnelle Verbindungen mit dem Internet zur Verfügung, zum Surfen und Mailen, für Whatsapp, Tiktok, Youtube, Instagram und Co. Und da es Verträge, die nur 4G-Zugang bieten, meist billiger im Angebot gibt, ist es kein Wunder, dass viele Nutzer (noch) keinen Grund sehen, zu 5G zu wechseln.
Nur die wenigsten bekommen echtes 5G
Hinzu kommt: Die weitaus meisten, die bereits 5G nutzen, verwenden in Wirklichkeit einen Zwitter aus 5G und 4G. Die Verbindung zum nächstgelegenen Funkmast wird über 4G aufgebaut, nur der Transport der Daten passiert dann über 5G. 4G nimmt 5G quasi huckepack. Aber das ist gar nicht zwingend, weil das schneller ist. Sondern, weil 5G weniger Energie pro Datenpaket benötigt und den Anbietern damit Geld spart.
Das ist aber nicht der einzige Grund für den verhaltenen Start der einst gehypten Technologie. Lange waren auch Endgeräte rar, die überhaupt mit dem neuen Netz zurechtkamen, und zwar mit der 4G-5G-Huckepack-Variante. Bei reinem 5G, das ohne Unterstützung von 4G auskommt, sieht es auch heute noch schlecht aus. Vor allem die High-End-Geräte sind eher dazu in der Lage, sollten aber am besten von den Netzanbietern entsprechend konfiguriert, sprich softwareseitig angepasst sein.
5G Stand alone, kurz 5G SA, heißt dieses reine 5G. Inzwischen bieten es die drei großen Netzbetreiber schon an den meisten Standorten an, nur nutzen können es eben viele bislang nicht. Wer etwa ein iPhone hat, kann erst mit der jüngsten Generation 16 5G SA nutzen. Die Telekom ist dabei besonders zurückhaltend und bietet es nur in Verbindung mit einem Tarif für Gamer an. Bei dieser Zielgruppe kommt es darauf an, dass das Netz mit geringer Latenz, also möglichst verzögerungsfrei, antwortet. Das ist eines der gerne verwendeten Argumente für 5G. Die oft für 5G genannte Latenzzeit von einer Millisekunde wird dabei aber nur unter Idealbedingungen erreicht.
So gerne die Mobilfunkanbieter mehr zahlende Privatkunden auf den 5G-Netzen sähen, im Grunde ist diese Technologie nicht in erster Linie für menschliche Nutzer entwickelt worden. 5G sollte vielmehr hauptsächlich Probleme bei der Kommunikation von Maschinen untereinander lösen. 5G kann mehr Endgeräte pro Flächeneinheit gleichzeitig einbinden, auch wenn diese Endgeräte wie manche Sensoren nur alle paar Stunden Daten senden.
Auch nahezu alle der stark gehypten Funktionen sind eher für die professionelle, meist industrielle Anwendung gedacht. Dazu zählt auch das sogenannte Network-Slicing. Die genutzte Funkfrequenz wird dabei aufgeteilt in verschiedene Bereiche, etwa um einem Vorfahrt im Netz zu geben. Daten würden dann mit besonders geringer Verzögerung übertragen. Das ist wichtig bei Echtzeit-Anwendungen wie dem autonomen Fahren, setzt aber auch eine durchgehend gut ausgebaute Infrastruktur voraus.
Die Anbieter haben ein Problem
Was 5G-Nutzer gelegentlich merken, ist der höhere Datendurchsatz, den 5G ermöglicht. Und in großen Menschenmengen, etwa auf Konzerten oder im Fußballstadion, kann die Datenverbindung mit 5G besser sein. Bis das wirklich bei der Mehrheit der Nutzer angekommen sein wird, wird es aber noch Jahre dauern. Vodafone etwa hofft, dass in diesem Jahr 30 Prozent aller Daten durch die modernen Netze laufen. Eine Erfolgsgeschichte sieht anders aus.
Für die Anbieter ist das ein Problem. Sie müssen die teuren Netze vorfinanzieren, das Hauptgeschäft aber läuft über die alten, wo es wegen des Konkurrenzdrucks keine großen Margen gibt. Zudem haben sie den Kunden den Mund wässrig gemacht mit den Leistungen, zu denen 5G imstande sei. Die Kunden aber merken schnell, dass sie zumindest im Moment nicht allzu viel davon haben und reißen sich nicht gerade um 5G-Tarife.
Damit droht Deutschland – und auch das übrige Europa – auch bei dieser neuen Technologie ins Hintertreffen zu geraten. In anderen Regionen, den USA etwa oder Asien, ist man bei der Weiterentwicklung von 5G schon weiter. Das liegt auch daran, dass Europa, obwohl mit seinen rund 500 Millionen Einwohnern (Großbritannien mitgezählt) ein großer Markt, in viele Einzelmärkte zersplittert ist. Die Anbieter können hier nicht wie in den USA von Skaleneffekten profitieren. Dass sich daran schnell etwa ändern wird, ist allerdings sehr unwahrscheinlich.
Immerhin nimmt die Zahl von Funklöchern weiter ab, auch wenn hier längst noch nicht jede der sprichwörtlichen Milchkannen mit Datenfunk in ausreichender Qualität versorgt ist.