Hat da jemand etwas von mieser Konsumlaune gesagt? Die vermeldet die GfK seit Jahren. Am Urlaub sparen wollen allerdings die wenigsten, im Gegenteil. Trotz hoher Preise und wirtschaftlicher Unsicherheiten haben sich im vergangenen Jahr 56 Millionen Deutsche eine Reise von mindestens fünf Tagen gegönnt, so viele wie nie zuvor. Dabei waren sie alles andere als knauserig: Mehr als 90 Milliarden Euro wurden für Urlaubsreisen ausgegeben, ein neuer Rekordwert. Die durchschnittliche Reisedauer lag im Jahr 2024 bei 13 Tagen. Pro Person und Reise wurde ähnlich viel ausgegeben wie im Vorjahr, nämlich im Schnitt 1319 Euro (2023 waren es 1337 Euro).
Bei der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR), einer der bekanntesten und wichtigsten Institutionen für Tourismusforschung in Deutschland, arbeiten die Chronisten des deutschen Fernwehs. Bereits seit einem halben Jahrhundert analysieren sie das Urlaubsreiseverhalten der Bundesbürger, so lassen sich Entwicklungen über lange Zeiträume nachzeichnen. Ihre Ergebnisse sind repräsentativ für die deutschsprachige Bevölkerung ab 14 Jahren. Am Freitag wurden die neuen Ergebnisse vorgestellt, welche eine Rückschau auf das vergangene Jahr geben und einen Ausblick auf 2025.
Wie die Reiseanalyse 2025 der FUR zeigt, planen 45 Prozent der Befragten, in diesem Jahr genauso viel auszugeben wie im Vorjahr. 17 Prozent sind bereit, sich ihren Urlaub sogar noch mehr kosten zu lassen. Nur fünf Prozent haben gesagt, dass sie sparen möchten.
Neue Klamotten oder Autos, Ausgehen – ja, sogar Ausgaben für die eigene Gesundheit –, all das ist ihnen weniger wert als eine schöne Reise, stellten die Forscher fest. Auf der Liste der Konsumprioritäten liegen Urlaubsreisen auf Platz zwei, lediglich der Kauf von Lebensmitteln ist den Deutschen noch wichtiger. 67 Prozent der Befragten haben angegeben, dass sie 2024 in anderen Bereichen gespart haben, um reisen zu können. Allerdings haben 43 Prozent der Befragten im Januar dieses Jahres auch gesagt, dass sie sich im Urlaub oft über zu hohe Preise zu ärgern – ein deutlicher Anstieg um elf Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr.
Einer der Gründe, warum sich der Urlaub als Konsumgut als so resilient erweist, liegt laut Ulf Sonntag, der die FUR-Ergebnisse vorgestellt hat, in der Vielseitigkeit der Urlaubsmotive. Zu den wichtigsten, mit mehr als 50 Prozent Zustimmung, zählen im Januar 2025 die Wünsche nach Sommer und Wärme, Abstand zum Alltag, Spaß, frischer Kraft, sich zu entspannen, sich verwöhnen zu lassen, die Natur zu erleben, Zeit füreinander zu haben und sich auszuruhen.
Vorbei sind die Zeiten, in denen sich so mancher Reisende durch Pandemiebeschränkungen eher für einen Urlaub in Deutschland entschieden hat. Die meisten Deutschen sehnen sich nach Sommer, Sonne, Mittelmeer. Entspannungs- und Badeurlaube sind mit Abstand am beliebtesten. Der Anteil der Auslandsreisen war im vergangenen Jahr mit gut drei Vierteln (76 Prozent) aller Urlaubsreisen sehr hoch, allerdings etwas niedriger als 2023. Mit 52,2 Millionen Auslandsreisen insgesamt wurde das Niveau von 2o19 erstmals seit Pandemiebeginn wieder erreicht. Die Zahl der Inlandsreisen lag im Jahr 2024 hingegen bei nur 16,1 Millionen.
Europa verlassen haben allerdings nur wenige deutsche Touristen. Der Marktanteil der Fernreisen lag im vergangenen Jahr lediglich bei 6,9 Prozent und damit wieder auf dem Niveau von 2022. 2023 war er mit 9,3 Prozent deutlich höher ausgefallen. Friedericke Kuhn von der FUR hat zwei Vermutungen, woran das Hoch von damals und der Rückgang im vergangenen Jahr gelegen haben könnte. So seien möglicherweise 2023 viele „nachgeholte“ Fernreisen unternommen worden, die während der Pandemie ausgefallen sind. Zudem habe die Preisentwicklung 2023 innerhalb Europas dazu geführt, dass eine Fernreise teilweise genauso teuer war wie ein Mittelmeerurlaub. „Da haben sich dann viele Menschen eher für die Fernreise entschieden“, vermutet Kuhn. „Im Reisejahr 2024 sind die Preise noch weiter gestiegen, gegebenenfalls saß das Geld bei einigen nicht so locker.“
Am liebsten reisen die Deutschen nach Spanien
Das beliebteste Reiseziel der Deutschen im Ausland bleibt Spanien mit seinen hoch frequentierten Inselgruppen Balearen und Kanaren, das Land hat einen Marktanteil von 15 Prozent. Es folgen Italien, die Türkei und Griechenland mit leicht höheren Werten als im Vorjahr. Auch Österreich konnte wieder mehr Gäste anziehen und Kroatien auf den sechsten Platz verdrängen.
Innerhalb Deutschlands gibt es klare Gewinner unter den Bundesländern. Am beliebtesten ist Schleswig-Holstein mit Nord- und Ostsee und seinen Inseln und schönen Stränden. Fast jeder fünfte Inlandsreisende (19 Prozent) hat seinen Urlaub im vergangenen Jahr zwischen Elbe und dänischer Grenze verbracht. Auf Platz zwei und drei der beliebtesten Bundesländer liegen Bayern und Mecklenburg-Vorpommern.
Neben dem Rückgang an Fernreisen gibt es noch eine weitere gute Nachricht fürs Klima. Die Deutschen sind im vergangenen Jahr etwas seltener geflogen als 2023, was auch daran liegen könnte, dass sie nicht ganz so weit weggefahren sind. Zwar handelt es sich beim Flugzeug noch immer um das beliebteste Verkehrsmittel von allen, aber fast genauso oft stiegen Reisende ins Auto oder Wohnmobil. Mit Bus (4,8 Prozent) und Bahn (6,3 Prozent) fuhren hingegen nur sehr wenige in die Ferien. Dass hinter dem Rückgang der Flugreisen allerdings das Motiv steckt, das Klima zu schonen, bezweifelt Ulf Sonntag. Der Anteil der Urlauber, denen Nachhaltigkeit wichtig ist, stagniert seit Jahren und auch in diesem Jahr zeichnet sich nicht ab, dass das Thema bei der Urlaubsplanung an Bedeutung gewinnt.
Sind die Deutschen ein Volk der Camper und Selbstversorger? Mitnichten. Beim Camping macht sich eine Stagnation, wenn nicht sogar eine Trendumkehr bemerkbar. Der Anteil derjenigen, die im vergangenen Jahr im Urlaub gecampt haben, lag bei nicht einmal sechs Prozent. In der Pandemie wollten viele Menschenmengen in Hotels vermeiden und haben sich deshalb umfangreiche Campingausrüstung zugelegt. Für längere Urlaube scheint das den meisten allerdings zu unkomfortabel. „In den vergangenen beiden Jahren haben wir gesehen, dass vermehrt bei Kurzurlaubsreisen gecampt wurde“, sagt Friedericke Kuhn. „Auch da ist der Trend jetzt vorbei und das Camping geht zurück.“ Dazu passe, dass die Verkaufszahlen für Wohnmobile eingebrochen sind.
Die Deutschen, auch das zeigen die Zahlen eindeutig, wollen es beim Thema Urlaub möglichst bequem – sowohl bei der Planung als auch vor Ort. Mehr als die Hälfte hat im vergangenen Jahr im Hotel gewohnt. Ein Ferienhaus oder eine Ferienwohnung hat hingegen nur jeder Vierte gemietet. Laut Friedericke Kuhn blieben Hotels die Nummer eins, weil Pauschalreisen noch immer sehr beliebt seien. Bei dieser Reiseform muss man sich nicht selbst den günstigsten Flug, Mietwagen oder das netteste Airbnb suchen, sondern bekommt alles als Paket und ist zudem noch vor Insolvenz geschützt. Vor Ort wird das Bett gemacht und man wird bekocht. „Der Komfort im Hotel übertrifft für viele die Ferienwohnung“, sagt Kuhn. Zudem könnten Hotels auch viel mehr Touristen unterbringen und vor allem im Lieblingsreiseland Spanien sei das Angebot viel größer. Die Treue der Deutschen zur Pauschalreise dürfte insbesondere die vielen mittelständischen Reisebüros hierzulande freuen, da sie mit deren Verkauf am meisten verdienen.
Insgesamt beinhalten die aktuellen Ergebnisse viele gute Nachrichten für die Tourismusbranche, deren wirtschaftliche Bedeutung in Deutschland oft verkannt wird. Es zeigt sich vor allem aber auch: Wenn es eines gibt, das sich die Deutschen in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht nehmen lassen, dann ist es ihre Reiselust.