Diese Wahl hatte das Ausland genau im Blick. Italienische und französische Zeitungen erklärten die Schuldenbremse, spanische die gran coalición. Amerikanische porträtierten die Spitzenkandidaten und deren ökonomische Ideen. Und alle waren sich einig: Diese Wahlen sind wichtig. Wegen des Aufstiegs der extremen Rechten und wegen der Zukunft der deutschen Wirtschaft. „Europa beneidete einst die deutsche Wirtschaft. Jetzt nicht mehr“, schrieb die New York Times.
Jetzt, nach der Wahl, hoffen viele Nachbarländer und Wirtschaftspartner, dass Deutschland wieder zur Wachstumslokomotive in Europa wird.
Italien
In Italien war die Einschätzung überall gleich, von den Titelseiten der Zeitungen bis zum Espresso-Smalltalk am Tresen: Merz hat gewonnen, aber die AfD triumphiert – Deutschland rückt nach rechts. Letzteres kann in einem Land, in dem eine extrem rechte Regierung seit zweieinhalb Jahren einigermaßen geräuschlos regiert, nicht schrecken. Und von Merz hofft man, insbesondere in der Wirtschaft, dass er so europäisch agieren wird, wie er es zuletzt im Wahlkampf versprochen hat. In Italien ist das Bewusstsein, dass man auf das befreundete Ausland, namentlich auf Europa, angewiesen ist, weitverbreitet – und immer geht es dabei um Deutschland.
Die italienische Automobilzulieferindustrie in Norditalien, aber auch Niederlassungen im Süden bis nach Sizilien leiden massiv unter den Schwierigkeiten im nördlichen Nachbarland. In einigen Werken sind die Aufträge um 50 Prozent und mehr eingebrochen. Die verschiedentlichen Interventionen des Italieners Mario Draghi, früherer Ministerpräsident und Präsident der Europäischen Zentralbank, dass Europa nur gemeinsam eine Chance hat, wirtschaftlich gegen die USA und China zu bestehen, hallen nach und werden in diesen Tagen wieder viel zitiert. „Eine ernsthafte Diskussion über den Draghi-Bericht würde allen guttun“, sagt etwa Carlo Bastasin, Wirtschaftsprofessor und Deutschlandkenner an der Luess-Universität in Rom. Die Debatte über eine Lockerung der Schuldenbremse in Deutschland sei interessant, sagt Bastasin. Wenn Merz an der Schuldenbremse festhalte, werde er immerhin einen Anreiz haben, für gemeinsame europäische Mittel zu stimmen, zumindest für Verteidigung. Das werde Europa stärken.
Auch die Politik hofft auf Merz: Ministerpräsidentin Meloni hat bereits mit ihm telefoniert, so teilt es ihr Büro mit, und ihm eine sofortige enge Zusammenarbeit angeboten. Merz hatte sich im Wahlkampf freundlich über die Postfaschistin geäußert.
Frankreich
Der Amtsantritt von Friedrich Merz als Kanzler weckt Hoffnungen in Frankreich, dass sich die Beziehungen zwischen Paris und Berlin wieder verbessern. Eine Voraussetzung sei allerdings, dass das hochverschuldete Frankreich in Haushaltsfragen wieder glaubwürdiger werde, schreibt die Wirtschaftszeitung Les Echos. Gleichzeitig hat man in Frankreich aufmerksam registriert, dass Merz der Kernenergie deutlich weniger feindlich gegenübersteht als Olaf Scholz. Dem Atomland Frankreich könnte das die Verhandlungen in Brüssel über „grüne Kernkraft“ erleichtern.
Deutschland müsse sein Wirtschaftsmodell neu definieren, sagte der Ökonom Ludovic Subran, Investmentchef der Allianz-Gruppe. In der französischen Presse stellte er einen Zehn-Punkte-Plan vor, wie Deutschlands Wirtschaft wieder schneller wächst. Zu den wichtigsten Punkten zählt demnach der Abschied von der chronischen Sparpolitik, Stichwort Schuldenbremse. Auch in die Energiewende müssten 1000 Milliarden Euro bis 2035 investiert werden – in Schienennetze, Schulen und Wohnungen in den nächsten zehn Jahren weitere 600 Milliarden Euro im Rahmen öffentlich-privater Partnerschaften. In Europa müsse Deutschland eine Idee für gemeinsamen Schuldenmechanismen und eine Kapitalmarktunion entwickeln.
Österreich
Einer der häufigsten Sätzen, die man in Österreich bei Wirtschaftsfragen hört, lautet: Wenn Deutschland Schnupfen hat, bekommt Österreich die Grippe. Die ist aufgrund der schon länger angeschlagenen deutschen Wirtschaft inzwischen voll ausgebrochen. Aus Deutschland fließt nicht nur viel Geld in den österreichischen Tourismus, einen der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes. Deutschland ist auch der mit Abstand wichtigste Wirtschafts- und Handelspartner. Auf österreichischer Seite haben sich vor allem die Probleme der deutschen Automobilindustrie niedergeschlagen, die vielen Zulieferbetriebe leiden etwa unter einem Rückgang der Aufträge aus Deutschland sowie der nachlassenden Nachfrage. Einige spektakuläre Pleiten waren die Folge, so rutschte der österreichische Motorradhersteller KTM Ende vergangenen Jahres in die Insolvenz.
Insofern blickt man in Österreich mit einer positiven Grundstimmung auf einen möglichen Kanzler Merz und darauf, dass er neben Migration vor allem die Wirtschaft in Angriff nehmen will. So äußerten Vertreter der Industriellenvereinigung in österreichischen Medien die Hoffnung, dass von der neuen deutschen Regierung am Ende auch Österreich profitieren werde. Ein Vertreter der Wirtschaftskammer des Bundeslandes Salzburg, das als Nachbar Bayerns wirtschaftlich besonders eng mit Deutschland verflochten ist, sagte im ORF, ein möglicher Transformationsprozess in Deutschland sei eine „Chance“ für Österreich. Alles natürlich unter der Voraussetzung, dass es in Deutschland schneller eine Koalition gibt als in Österreich, wo inzwischen 150 Tage ohne neue Regierung vergangen sind.
Tschechien und Polen
In Tschechien freut sich der konservative Premierminister Petr Fiala auf eine deutsche Regierung unter Führung der ebenfalls konservativen CDU, dem eigenen politischen Lager traut man einfach mehr Wirtschaftskompetenz zu. Zumal Friedrich Merz die Auffassungen der tschechischen Regierung – und vieler tschechischer Bürger – zu Atomkraft, Verbrennermotoren und Klimaschutzauflagen weitgehend teilt. Für Tschechien und Polen ist Deutschland der wichtigste Absatzmarkt, beide Länder erwarten in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum, Polen von bis 3,5 Prozent, Tschechien von etwa 2,5 Prozent.
„Ich erwarte, dass die deutsche Politik nun stärker wird“, sagte Premier Fiala zum deutschen Wahlergebnis. Er erhoffe sich mehr Konzentration auf „deutsche und europäische Probleme“, darunter „die wirtschaftliche Entwicklung“. Tschechien ist ein wichtiger Zulieferer der deutschen Automobilbranche, sie machen etwa ein Drittel der tschechischen Exporte nach Deutschland aus, hier brachen die Absätze zuletzt ein.
Polen steht wirtschaftlich derzeit so gut da, dass hier Chancen für deutsche Unternehmen liegen, während die deutsche Konjunkturflaute polnische Unternehmen derzeit nicht besonders zu beeinträchtigen scheint. Die liberal-konservative Regierung von Donald Tusk investiert massiv – und schert sich nicht um Schulden. Für deutsche Mittelstandsunternehmen, die „angesichts der lahmenden Konjunktur in Deutschland neue Absatzmärkte erschließen“ wollten, sei Polen daher interessant, sagt Lars Gutheil von der deutsch-polnischen Industrie- und Handelskammer.
Spanien
Spaniens Interesse an Deutschland ist enorm. Der Wahlabend wurde live im staatlichen TV begleitet. Am Tag darauf lud eine Stiftung der Caixa-Bank zu einem Gesprächsforum mit dem Politologen und Deutschland-Experten Fernando Vallespín in Madrid ein. Der Andrang war so groß, dass der Vortrag in einen zweiten Saal übertragen werden musste. Gekommen waren viele Vertreter der derzeit boomenden spanischen Wirtschaft, und aus den Fragen wurde ersichtlich, dass man die Ereignisse in Deutschland mit Bangen verfolgt. Wird Friedrich Merz den Aufschwung bringen? Auch die Schuldenbremse (ein für Spanier kaum auszusprechendes Wort) erzeugte viel Interesse.
Inflationsbereinigt wuchs die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung Spaniens im vergangenen Jahr um 590 Euro auf 26 210 Euro, während das deutsche BIP pro Kopf um 160 Euro auf 36 130 Euro sank. Vordergründig kann sich Spanien über ein sattes Wirtschaftswachstum freuen, das auch deutsche Unternehmen wie VW animiert, Produktionsstandorte nach Spanien zu verlegen. Doch zumindest eine der Säulen dieses Booms, der Tourismus, ist ein labiler Sektor, wie den Spaniern spätestens seit Covid bewusst ist. Man blickt daher verunsichert nach Deutschland, das als Motor Europas angesehen wird. Doch ebendieser Motor sei „abgekühlt“, analysierte die politische Denkfabrik Elcano kürzlich und nannte sieben Schwachpunkte der deutschen Wirtschaft, darunter Exportabhängigkeit, Bürokratie und Überalterung.
Unter dem Strich sei das Wahlergebnis für Spanien und seine Wirtschaft „zugleich beruhigend wie auch inspirierend“, sagt Walther von Plettenberg, Geschäftsführer der Deutschen Handelskammer für Spanien in Madrid. „Eine große Koalition zwischen zwei staatstragenden Mitte-links- und Mitte-rechts-Parteien in Deutschland mit einem klaren Mandat für eine Entlastung der Wirtschaft verspricht größere Stabilität in dem traditionell bewunderten, aber zuletzt immer mehr hinterfragten Partnerland der EU.“
USA
Je weiter weg das Land, desto schwächer sind die Erwartungen, die Ökonomen und Unternehmer mit der neuen Bundesregierung verbinden. Der US-Markt etwa ist für die deutsche Wirtschaft deutlich wichtiger als umgekehrt. Dennoch haben US-Unternehmen mehr als 193 Milliarden Dollar in Deutschland investiert. Deshalb registriert man dort die Schwächen der deutschen Wirtschaft sehr genau. Das lahmende Wachstum, die schleppende Digitalisierung und die hohen Energiepreise besorgen auch die amerikanischen Partner – ebenso wie die Tatsache, dass Deutschland einem von Trump angezettelten Handelskrieg besonders schutzlos ausgeliefert wäre.
„US-Investoren erwarten von der nächsten Bundesregierung, dass sie aufhört, dumme Dinge zu tun“, sagt der Ökonom Jacob Kirkegaard vom Peterson Institute for International Economics in Washington. In den USA sei es zum Beispiel auf Unverständnis gestoßen, dass Deutschland inmitten der Energiekrise infolge des Ukrainekriegs auch noch aus der Atomkraft ausgestiegen sei. Die positive Stimmung an der Börse in den Wochen vor der Wahl interpretiert der Ökonom als Vertrauensvorschuss für die kommende Bundesregierung. Nun müsse diese liefern: „US-Investoren hoffen auf eine proaktivere Fiskalpolitik. Sie erwarten eine Reform der Schuldenbremse und höhere Ausgaben für Verteidigung und Energie-Infrastruktur.“
China
Man wolle mit der neuen Bundesregierung zusammenarbeiten, „um die umfassende strategische Partnerschaft zwischen China und Deutschland zu stärken und weiterzuentwickeln“, sagte Lin Jian, der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, am Montag sehr diplomatisch. Angesichts des drohenden Handelskriegs mit den USA ist China an einem wirtschaftlich starken Deutschland interessiert, dass die EU anführen kann.
In der Volksrepublik erinnert man sich gerne an die CDU-Regierungen unter Merkel zurück, die die deutsch-chinesischen Beziehungen über Jahre hinweg stark ausgebaut haben. Merz gilt zwar nicht als neue Merkel, in Peking hofft man aber, dass er als ehemaliger Geschäftsmann den nötigen Pragmatismus mitbringt, um die wirtschaftlichen Beziehungen mit China im Angesicht der Trump-Regierung zu festigen, ohne sich in Ideologie-Debatten zu verfangen. Merz’ kritische China-Haltung aus dem Wahlkampf sieht man dabei in Peking als keinen Grund zur Sorge: Merz gebe der deutschen Wirtschaft die Stabilität und Sicherheit, auf die China bei wirtschaftlichen Beziehungen großen Wert legt, sagt ein Beobachter. Nun, da Europa und die USA immer weiter auseinanderfallen, wittert die Regierung in Peking die Chance, sich umso stärker als verlässlichen Handelspartner der Deutschen in Szene zu setzen.