Wir sitzen bei Tee zusammen: „Jetzt bleibt uns nur noch, eine eigene Partei zu gründen. Wie wäre es mit Partei für ein Jewcy Deutschland?“ Wenn eine Situation aussichtslos erscheint, neige ich zu dummen Witzen.
Ein müdes Lachen der anderen aus der Runde. Es ist offensichtlich, dass es vor allem das Mitleid mit meinem schlechten Witz ist, das ihnen ein Lächeln abringt. Eine Person erbarmt sich und scherzt zurück: „Immerhin hat Partei für ein Jewcy Deutschland die richtige Brise Weltherrschaft“. Ich lache dankend.
Wir sind eine Runde Berliner Jüd*innen, die versuchen angesichts der Wahlen nicht völlig zu verzweifeln. „Ich mache eine kleine Wahlparty, hab extra schicke Taschentücher besorgt“, sagt eine der Teilnehmenden. Sie zeigt uns die wirklich ausgesprochen schönen Taschentücher. „Schätze es wird eine Wahl- und Weinparty“. Wieder ein schlechter Witz von mir, ich kann es einfach nicht lassen.
Kurze Stille. „Oh! Ich dachte kurz Du meinst das Getränk, aber Du meinst Weinparty von weinen!“. Ein schlechter Witz, den erstmal niemand versteht – ich bin offensichtlich in Hochform. „Vielleicht mach ich das andere Format! Eine Wahl- und Weinparty. Vielleicht wird das Ganze durch Alkohol erträglicher“. Wieder hat eine von ihnen sich aufgeopfert, meinen schlechten Witz zu retten.
Empfohlener redaktioneller Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.
Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.
Ein mentaler Spagat
Ich bin der kleinen Runde so dankbar. Liebe sie alle in ihrem, in unserem Fatalismus. Wir wissen alle, dass wir Die Linke wählen werden – wählen müssen, wenn wir die Chance auf eine linke Opposition, ein linkes Korrektiv im Bundestag haben wollen. Aber fühlen wir uns als Jüd*innen gesehen, ernstgenommen, vertreten von der Berliner Linken?
Das Urteil ist zerschmetternd: Nein. Die Gründe dafür sind komplex. Sie hier auszubuchstabieren, würde die Kolumne sprengen. Aber das Fazit war: Wir wählen die Linke als Linke, als Feminist*innen, als Queers. Wir wählen sie nicht als Jüd*innen, was ein mentaler Spagat ist.
Ich zitiere an der Stelle gerne den Slogan einer 15 Jahre alten Plakatkampagne von Lesmigras (Antigewalt-, Antidiskrminierungs- und Empowerment-Bereich der Lesbenberatung Berlin): „Identität kennt kein Entweder-Oder“. Theoretisch.
Für unsere Wahlentscheidungen galt: Unsere Identität kennt dieses Mal ein Alles-Außer. Denn egal welche Partei, wir hätten sie nicht als Jüd*innen gewählt. Was für eine schmerzhafte Realisierung.