In der Modewelt sind gerade Bäumchen-wechsel-dich-Wochen. Laufend wird irgendeine Neubesetzung verkündet, das nächste Gerücht in die Welt gesetzt. Wer kein dynamisches Pfeildiagramm zur Hand hat, verliert allmählich den Überblick, und am gestrigen Donnerstag gab’s dann gleich noch mal einen Doppelschlag. Der Balenciaga-Designer Demna Gvasalia wechselt also tatsächlich zu Gucci, was natürlich eine Knallerverpflichtung und in jedem Fall aufregend ist, weil sein radikales Design bei der Marke mit dem Doppel-G gganz ggroßartig oder gganz ggruselig werden könnte.
Aber was die Branche gestern fast noch mehr bewegte, war diese andere Meldung: Donatella Versace verlässt Versace. Nach fast 30 Jahren. Ihre Aufwartung nach der Show bei der Fashion Week vor zwei Wochen wird allen Ernstes ihre allerletzte gewesen sein.
Die gezeigte Kollektion bleibt, freundlich formuliert, nicht als ihre stärkste in Erinnerung, die Marke braucht schon länger dringend eine Generalüberholung, angeblich ist Prada an einem Kauf interessiert. Weshalb der Rücktritt nicht ganz unerwartet kommt. Aber jetzt, wo es offiziell ist, stellt sich dann doch große Wehmut ein. Versace ohne Donatella Versace – geht das überhaupt?
Klar geht das. Gianni Versace ohne Gianni ging schließlich auch, weil nach seinem gewaltsamen Tod 1997 seine jüngere Schwester absolut unfreiwillig, aber mit vollem Arbeits- und Körpereinsatz einsprang und die Marke mit den Medusenköpfen immer wieder mit, nun ja, sehr vielen Medusen füllte. Als „Chief Creative Officer“, wie das heute heißt, folgt nun der von Miu Miu kommende Dario Vitale, der von allen Seiten derart hochgelobt wird, dass Versace demnächst zur Abwechslung mal wieder für richtig gute Mode stehen könnte.
Die viel größere Frage lautet: Wie wird die Modewelt ohne Donatella Versace? Denn die 69-Jährige gehört vielleicht nicht zu den genialsten Designern unter der Sonne, aber mit Sicherheit zu den letzten großen Persönlichkeiten in einer Branche, deren Chief Creative Officer heute vor allem chefmäßig langweilen – weil sie allesamt so hochprofessionell agieren und funktionieren. Nach Karl Lagerfelds Tod war Donatella Versace die Einzige, die auch in ihrem Äußeren noch einen ikonischen Anspruch verkörperte.
Es lag nahe, sie als Karikatur abzutun – sie aber führte einen Milliardenkonzern
Die langen, vanilleblonden Haare, Lippen, die schon aufgespritzt wurden, als Schlauchboot noch primär ein Begriff aus dem Badeurlaub war, eine Figur, so klapperdürr wie die Models, mit denen sie auf dem Laufsteg posierte. Es lag nahe, sie als Karikatur abzutun und sich über sie lustig zu machen. Dabei kam allerdings ein bisschen zu kurz, dass diese angebliche Witzfigur sich als eine der wenigen Frauen an der Spitze eines Milliardenunternehmens behaupten konnte.
Klar erzeugte sie den größten Wirbel vor allem mit Promiauftritten. Jennifer Lopez in dem bis zum Bauchnabel offenen Jungle Dress 2000, die Wiedervereinigung der Supermodels um Claudia Schiffer auf dem Laufsteg 2017. Andererseits traute sich dieses unverhohlene Glamourtainment sonst eben niemand mehr, und die meisten Stars hätten diese Auftritte auch für niemand anderen gemacht als für Donatella, wie sie von allen liebevoll genannt wird.
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Die eigene Präsenz auch ironisch zu sehen, gelang ihr sowieso am besten selbst. Dazu muss man sich nur noch mal dieses Video zur „Ice Bucket Challenge“ von 2014 ansehen. Da setzt sie sich – natürlich komplett in Weiß – vor die Kamera, hinter ihr stehen zwei Jünglinge wie aus dem Versace-Katalog, natürlich mit Goldketten und Medusen auf dem freien Oberkörper. Und dann sagt sie in ihrem nie astreinen Englisch, dass sie übrigens nicht nur hier sitze, um sich gleich das Make-up ruinieren zu lassen, sondern um Geld für die Nervenkrankheit ALS zu sammeln. Wie hart aber das Eiswasser – natürlich aus Versace-Bechern – auf ihre frisch geföhnten Haare treffen würde, hatte sie wohl nicht gedacht. Sie kreischt wie, nun ja, wie man halt kreischt, wenn es einen eiskalt erwischt. Ausgerechnet die ach so künstliche Diva wirkte oft authentischer als die meisten anderen in der Modewelt.
Eine wie sie geht natürlich nicht ganz. Donatella Versace soll dem Haus als Markenbotschafterin erhalten bleiben. Und wird neben Rote-Teppich-Terminen hoffentlich auch weiterhin sämtliche Social-Media-Challenges absolvieren. Zu Recht, ein solches Pfund an Aufmerksamkeit lässt man tunlichst nicht einfach so ziehen. Allein auf Instagram hat sie 12,2 Millionen Follower – mehr als jeder andere Designer.