Was ist eigentlich schlimmer: wenn der nächsten Regierung in Zeitungskommentaren geraten wird, sich in diesen ernsten Zeiten bitte nicht mit Frauenquoten aufzuhalten, oder dass der Abtreibungsparagraf immer noch nicht abgeschafft ist? Oder dass der Autohersteller Audi seine Gendersprachregelung zurückzieht? Oder dass ein Verlag zum Frauentag als Frauenlektüre das Buch „Häkel dich durchs Jahr“ („mit einfachen Anleitungen für jede Jahreszeit und für alle Größen“) empfiehlt?
Oder ist alles gleich schlimm, weil alles für eine Entwicklung steht, die kein bisschen zu begrüßen ist?
Den Eindruck kann man bekommen. Die Welt wird nicht nur im Rekordtempo verrückter, sie dreht sich, so scheint es, auch rückwärts. Und zwar in Fragen, die die Gleichberechtigung jener Lebensformen und -modelle betrifft, die nicht der weißen Hetero-Cis-Männlichkeit entsprechen. Jenem Maß der Dinge also, das lange unhinterfragt vorherrschte.
Die Abwehr explodierte mit dem #MeToo-Hashtag
Massiv infrage gestellt wurde es in der breiten Öffentlichkeit spätestens seit dem #MeToo-Hashtag, der als Abwehrexplosion jener gilt, die sich davon untergebuttert und an die Wand gedrängt fühlten. Heute stellt sich die Frage, ob die Dynamik der Abwehr zu früh verebbte – und wie man sie wieder entfachen kann, wie weibliche Solidarität wieder machtvoller wird.
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Wobei auch immer klar sein sollte: Es geht bei der alten und wahrscheinlich neuen Linie zwischen männlich und weiblich nicht allein um den Geschlechtseintrag – auch wenn es oft, aber eben nicht immer, deckungsgleich ist. Es geht um verschiedene Möglichkeiten des Miteinanders: Es geht um Kooperationsbereitschaft statt Dominanzgebaren.

Donald Trump will die USA umkrempeln. Verpassen Sie keine Neuigkeit mehr. Kostenlos jeden Donnerstag per E-Mail – vom US-Team der Tagesspiegel-Redaktion.
Die hochaggressive Antidiversitätspolitik in den USA, die von Präsident Donald Trump und seinem Hilfssheriff Elon Musks ausgerufen wurde, die alles Progressive niedermäht und lauthals verteufelt, könnte für den gesamten Westen stilbildend werden. Es hat – siehe unvollständige Nadelstichaufzählung oben – längst begonnen.
Das sind schlechte Nachrichten für alle, die kurz den Eindruck begrüßt haben, innergesellschaftliche Ab- oder Ausgrenzungen und traditionelle Machtmuster würden aufgeweicht und Akzeptanz und Toleranz breiteten sich aus – und zwar zum Besten aller. Vermutlich haben sie aber zu früh gefeiert.
Und diejenigen, die den Kater-Kopfschmerz am deutlichsten zu spüren bekommen werden, sind allein ihrer Zahl wegen: Frauen.
Ist das Alarmismus? Übertriebene Reaktion auf harte Ansagen aus dem Weißen Haus? Hysterie angesichts chauvinistischer Ausfälle eines künftigen Bundeskanzlers Friedrich Merz? Plumpe Schuldsuche?
Es wäre schön, wenn das so wäre. Viel Grund, dass so zu sehen, gibt es aber nicht.
Fünf Männer und eine Teenagerin diskutieren im RBB
Kürzlich im RBB-Fernsehen saß der Moderator einer Talkshow zur Wahlnachbetrachtung mit vier Männern und einer 16-jährigen Vertreterin der jungen Generation zusammen. Fünf Männer und eine Teenagerin. Und das im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das sicher völlig unverdächtig ist, eine Frontsau der Anti-Wokeness-Bewegung zu sein.
Auch das Bild aus der CDU/CSU-Präsidiumssitzung, das links und rechts eines Konferenztischs je drei Herren im Anzug zeigte, wurde in Teilen der medialen Öffentlichkeiten für nicht zu beanstanden erklärt.
Wäre doch ein Traum, wenn endlich wieder Kompetenz und Leistung zählen – und nicht das Geschlecht.
Kommentar in der Tageszeitung „Die Welt“
Kritik an der quälend offensichtlich fehlenden Präsenz des Teils der Bevölkerung, der weder männlich noch weiß noch Ü-55 ist, sei gestrige Quoten-Jammerei. „Wäre doch ein Traum, wenn endlich wieder Kompetenz und Leistung zählen – und nicht das Geschlecht“, überschrieb die „Welt“ den dazugehörigen Kommentar.
In der neuen US-Regierung lässt sich das bereits besichtigen. Da führen nur ältere Männer das Wort. Und im Deutschen Bundestag sitzen mit dem Aufwachsen von Unions- und AfD-Fraktionen so wenig Frauen wie schon lange nicht mehr. Je konservativer, je rechter die Politik und ihr Stil, desto weniger Frauen sind als politisch Aktive dabei – und desto weniger Frauen machen dort in den Wahlkabinen ihre Kreuze.

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Bevor man sich über die Gleichberechtigungs- und Gleichstellungsbemühungen im noch sogenannten, aber rasant zerbröselnden Westen lustig macht und mokiert, sollte man sich eins bewusst machen: Es wird genau hier – und beim weltweiten Rundblick auch nur hier – mit viel Einsatz und Anstrengung versucht, die Ungerechtigkeiten abzubauen, die sich in patriarchal geprägten Gesellschaften entwickelt und verfestigt haben.
Was also tun, wenn Machtdenken und Herrschaftslogiken sich anschicken, die bescheidenen Versuche ihrer Eindämmung niederzuwalzen und ihre alte Deutungshoheit zu restaurieren?
Weibliche Solidarität ist bisher eher ein Schlagwort
Es ist endlich Zeit für mehr bewusste Solidarität all jener, die diese Umkehr nicht wollen. Allen voran richtet sich das an die Frauen: Es ist Zeit für mehr weibliche Solidarität. Und es ist schade genug, dass das bisher eher ein Schlagwort ist als eine verinnerlichte Handlungsanleitung.
Vielleicht wären für den Anfang schon kleine Gesten und Denkanstöße gut. Wie wäre es etwa, wenn Frauen sich grundsätzlich aufgerufen fühlen, anderen Frauen beizustehen? Wann immer, wo immer. Dass keine mehr wegschaut, wenn eine andere Unterstützung brauchen könnte.
Wenn sich jede Busfahrerin sicher sein kann, dass die anderen Frauen im Bus sie vom pöbelnden Passagier abschirmen werden. Und wenn in den Konferenzen, Sitzungen, Vorträge, Berichterstattungen, die jeden Tag in Hunderttausenden Büros in diesem Land stattfinden, keine Frau mehr unassistiert von ihresgleichen bleibt, Männer kein Abonnement mehr auf das letzte Wort haben. Bis es gemerkt wird, bis es sich rumspricht.
Und wenn der Tyrannosaurus im Weißen Haus für eins gut sein könnte, dann vielleicht dafür: dass alle erkennen, wie desaströs hierarchische Herrschaft ist, und wie falsch es läuft, wenn Kooperation und Beteiligung fehlen. Verlassen sollte sich darauf aber besser niemand.