Nach der Wahl ist vor der Wahl – und das, was da kommen wird, ist mindestens ebenso eine Richtungsentscheidung wie das, was hinter uns liegt. Am Samstagabend entscheidet die Nation darüber, wer für den Eurovision Song Contest nach Basel fährt. In den letzten Wochen haben Entertainer Stefan Raab und ein paar Gehilfen in der Sendung „Chefsache ESC“ bereits zahlreiche Willige grob aussortiert. Übrig bleiben neun potenzielle Kandidaten beziehungsweise Bands.
Musiker aus der Hauptstadt zogen in dem Auswahlverfahren bedauerlicherweise großteils den Kürzeren. Aktuell sind nur noch zwei Berliner im Rennen. Zum einen wäre das der gebürtige Brite Moss Kena und zum anderen die Newcomerin LYZA. Glaubt man Umfragen und Prognosen, ist deren Chance relativ gering: Die Deutschen seien ganz besonders begeistert von „Feuerschwanz“, einer Mittelalter-Rock- und Metal-Band aus dem Raum Erlangen. Na ja, in Anbetracht dessen, was hierzulande sonst so los ist, ist die Truppe als offizielle Gesangsgesandte aus Deutschland vielleicht sogar recht repräsentativ.

© dpa/-
Dass es beim ESC schon lange nicht mehr allein um musikalische Qualität, sondern auch um Aufmerksamkeit (fürs was auch immer) geht, ist unter Fans der Veranstaltung bekannt. Und genauso, dass am Ende meist nicht die Witzfigur, sondern der gut vorgetragenen Song gewinnt.
In erstere Kategorie fällt übrigens auch der estnische Anwärter auf den ESC-Pokal, der jetzt schon bekannt ist und für Schlagzeilen sorgt. Tommy Cash heißt der und singt, vorzugsweise in ausgefallener Kostümierung, seltsam dramatisch über seine Liebe für Espresso Macchiato.
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Das finden viele Italiener gar nicht lustig. Denn der 33-Jährige bedient darüber hinaus die verschiedensten Klischees: Von Spaghetti bis Mafia ist alles mit dabei.
Transition in den Süden
Der Vizepräsident des italienischen Senats, Gian Marco Centinaio, geht so weit, Cashs Ausschluss aus dem Wettbewerb zu fordern. „Wer Italien beleidigt, muss der Eurovision fernbleiben“, verlangte der Abgeordnete der Rechtspartei Lega. TikTok sieht das anders: Dort sind der Este und sein Song äußerst beliebt.
Auch deshalb und in seinem Habitus erinnert der Musiker stark an den niederländischen Kandidaten Joost Klein von vergangenem Jahr. Wir erinnern uns: Der Interpret des Song „Europapa“ wurde tatsächlich disqualifiziert. Nicht etwa, weil auch er sich in irgendwelchen klischeebehafteten Ironieschleifen verirrte, sondern weil er eine drohende Geste in Richtung einer Kamera getätigt haben soll. Oder der so ähnlich.
Der ESC ist und bleibt hochpolitisch. Auch wenn er das gar nicht sein will. Spannend wäre zu guter Letzt gewesen, wie rechtspopulistische Politiker hierzulande reagiert hätten, wenn Cash von Schnitzel oder Bautzner Senf geschwärmt hätte. Wir werden es leider nie erfahren.

© IMAGO/Berlinfoto
Und damit zu anderen Kosmopoliten: Sarah Connor hat kein Bock mehr auf Berlin. Laut Instagram und anderen Medien ist die Sängerin nach Frankreich ausgewandert. Sie selbst schrieb unter ein von ihr gepostetes Video: „Ich habe immer davon geträumt, am Meer zu leben. Jetzt haben wir es nach vielen Jahren in Berlin einfach gemacht und lieben es. Die Kids gehen hier zur Schule und haben die Transition großartig gemeistert. Hätte ich gewusst, dass es so einfach sein kann.“
Außerdem bedankt sie sich bei ihrem Mann, Florian Fischer. Der hätte die „Transition“ nämlich möglich gemacht. Wo genau die Familie lebt, ist nicht bekannt. Dafür aber, dass die Hauptstadt nicht für immer passé ist. Wenigstens die „Bild“ will wissen, dass es sich bei dem neuen Zuhause nur um ein Winterdomizil handelt und Berlin der Lebensmittelpunkt bleibt. Es kann so einfach sein!