Die Berliner Feuerwehr steht seit Jahresbeginn enorm unter Druck, die Zahl der Einsätze des Rettungsdienstes ist massiv gestiegen. Allein im Januar verzeichnete die Feuerwehr 49.000 Einsätze. Das ist ein Rekord und der höchste überhaupt gemessene Monatswert.
Grund für den starken Anstieg ist offenbar die Grippewelle. Die Zahl der Einsätze wegen am Notruf gemeldeter Atembeschwerden ist sprunghaft gestiegen. Dabei sind es insgesamt mehr Einsätze als bei Grippewellen im Dezember 2022 und Dezember 2023. Zudem sind es auch mehr als während der Fußball-Europameisterschaft im Juni und Juli 2024.
Es wächst die Sorge vor einem Horrorjahr
Auch nach dem Januar blieben die Zahlen hoch, intern wird mit einem neuen Februar-Rekord gerechnet. In der vergangenen Woche standen an zwei Tagen zeitweise weniger als zehn Rettungswagen für ganz Berlin zur Verfügung. Bei der Feuerwehr wächst deshalb die Sorge vor einem Horrorjahr für den Rettungsdienst. Denn selbst im Krisenjahr 2022, als die Feuerwehr im Dauerausnahmezustand war und zeitweise kein freier Rettungswagen einsatzbereit war, waren die monatlichen Einsatzzahlen niedriger.
Mit überschaubaren Mitteln müssen wir eine Vielzahl von Einsätzen bewältigen – und das täglich.
Vinzenz Kasch, Sprecher der Berliner Feuerwehr, über den Einsatzdruck
Um den Rettungsdienst besser aufzustellen, führt die Feuerwehr für den Rettungsdienst ab 25. März neue Notfallkategorien ein. „Der Rettungsdienst im Land Berlin steht unter großem Druck“, sagte Feuerwehrsprecher Vinzenz Kasch. „Mit überschaubaren Mitteln müssen wir eine Vielzahl von Einsätzen bewältigen – und das täglich.“ Es gehe nun darum, bei steigenden Alarmzahlen „für die wirklich schlimmen Notfälle immer da zu sein“.
Empfohlener redaktioneller Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.
Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.
Bei dem bisherigen System sei es „nur bedingt“ gelungen, Notfälle zu unterscheiden und je nach Bedarf Einsatzkräfte loszuschicken. Das neue System soll es nun laut Kasch ermöglichen, bei schweren Notfällen, die hohe Lebensgefahr mit sich bringen, wie Herzinfarkten und spritzenden Blutungen, „die Mitarbeiter mit der richtigen Qualifikation schnell vor Ort zu haben“.
Grundlage war eine umfassende Analyse von 2,9 Millionen Datensätzen zu bisherigen Rettungseinsätzen und teils aus den Rettungsstellen der Krankenhäuser. So wurden die verschiedenen Krankheits- und Verletzungsbilder neu nach Dringlichkeit unterteilt, gekoppelt an die dafür nötige Qualifikation des Personals: vom Rettungssanitäter mit der niedrigsten Stufe über den Notfallsanitäter – woran es bei der Feuerwehr mangelt – bis zum Notarzt.
Ich bin von der Richtigkeit dieses Versorgungssystems überzeugt.
Manuel Barth, Sprecher der Feuerwehr-Gewerkschaft, über das neue Triage-System
Nach Angaben der Behörde ist das neue datenbasierte System deutschlandweit einmalig und die Berliner Feuerwehr damit führend. Es ist entspricht dem Triagesystem in den Rettungsstellen, wo die schweren und lebensbedrohlichen Fälle zuerst behandelt werden und alles andere danach folgt. Damit soll auch verhindert werden, dass bei hoher Einsatzlage Rettungswagen quer durch die Stadt von Marzahn nach Spandau fahren müssen, weil sonst kein Wagen frei ist. Die Rettungswagen sollen vorrangig nur noch in ihrem vorgesehenen Bereich die Notfälle abarbeiten.
Das System sieht fünf Kategorien vor. In der höchsten Stufe geht es um akut lebensbedrohliche Situationen wie Herz-Kreislauf-Stillstände oder Bewusstlosigkeit. Hier soll binnen zehn Minuten ein Notarzt beim Patienten sein. Derlei macht fünf Prozent der Einsätze aus. Die zweite und dritte Stufe betreffen rund 75 Prozent aller Einsätze. Auch hier soll unterschieden werden, wann ein Rettungssanitäter reicht, oder ein Notfallsanitäter oder Notarzt nötig sind.
Länger warten bei ungefährlichen Blutungen
„So werden starke Blutungen an Armen oder Beinen ohne Symptome wie Bewusstseinseintrübungen in diesem Segment verortet. Zielstellung ist ein schnelles Eintreffen zur Blutungsstillung“, heißt es in einem internen Papier. Ein Rettungssanitäter sei dafür qualifiziert. Bei einer „starken Blutung nach Trauma bei Kindern“ soll hingegen der besser qualifizierte Notfallsanitäter anrücken. Bei allergischer Atemnot muss ein Notarzt in den Einsatz. Bei ungefährlichen Blutungen ohne Risiko kommt der Rettungssanitäter, hier müssen die Patienten dann im Zweifel länger warten.
Die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft (DFeuG) bezeichnete das neue System als „Gamechanger“. Das sei auch das Ergebnis des Drucks der Gewerkschaft für eine Überprüfung der bisherigen Einsatzcodes. „Ich bin von der Richtigkeit dieses Versorgungssystems überzeugt“, sagte DFeuG-Sprecher Manuel Barth. „Die Berliner Feuerwehr kann hierbei bundesweit Vorbild sein, die Notfallversorgung individuell zu verstehen, aber eben auch gesundheitsökonomische Argumente zuzulassen.“ Das entspreche dem Priorisierungsprinzip wie in Arztpraxen und Krankenhäusern.
Das neue Konzept „trägt dem Gemeinwohlgedanken Rechnung“, Rettungsmittel könnten ressourcenschonend und zielgerichtet eingesetzt werden. „Aufpassen müssen wir allerdings, dass die Erfolge nicht erneut aufgefressen werden – durch den Anstieg der Alarme oder die kommende Krankenhaus- und Notfallreform“, sagte Barth.